Zwischentöne

 

Mark ist fast blind, bzw. blind mit Sehrest.

Auf jeden Fall fand ich ihn immer lustig mit seiner tiefen Stimme und seinem Schriftdeutsch. Er war immer tadellos gekleidet, 190 cm groß und hatte eine gute, schlanke Figur. Seinen Arbeitsplatz hatte er bei einer Behörde und wenn er etwas erzählte, war er nicht zu bremsen. Er wollte einfach nur seine Gedanken loswerden, einen Kommentar dazu wollte er nicht. Ein wenig schwierig war er immerhin  schon, was vielleicht auch daran lag, dass er keine Freundin hatte.

 

Alle paar Wochen rief er mich an und erzählte seine unverdauten Erlebnisse, erzählte von Kollegen und Kolleginnen, von seinem Vater und seiner Schwester. Mit einer Engelsgeduld hörte ich jedes Mal zu, hielt aber mit Ratschlägen zurück, da diese ja eh nicht erwünscht waren.

Fast zwei Jahre hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Doch eines Tages rief er wieder an und erzählte — es war, als hätte es die zwei Jahre Pause für ihn nicht gegeben. Er fragte auch nicht nach, ob der Anruf denn gerade passe oder nicht, oh nein – als ich mich meldete, ratterte er gleich los. Da ich seine tiefe Stimme und seine Art, zu reden, mochte, hörte ich zu. Und erkannte, dass es ein Hilferuf war. Stimmt, einfach ist es nicht, Hilferufe zu erkennen – vor allem nicht, wenn der Anrufer am andere Ende der Leitung erzählt, dass alles bestens läuft und nur die bösen Nachbarn einen nicht glücklich leben lassen wollen.

Das man keine Arbeit mehr hat, weil die Stelle wegrationalisiert wurde, was für einen fast Blinden ein klares „Aus“ ist.

Dieses Telefonat war der Anfang vom Ende.

Halb angefangene Sätze wie“…als vor einem Jahr Susi aufhörte, bei mir zu putzen“

oder “da waren welche, die sind einfach mit mir nach Hause gekommen und haben alles, was im Kleiderschrank war. aufs Bett geworfen, seither find ich nichts mehr…“, gaben mir zu denken und deshalb fragte ich „wann war das denn?“

“Mindestens vor einem halben Jahr.“

So langsam dämmerte es mir: ein Drama. Ich rief Freunde von damals an und fragte sie nach Mark.

Der Mark, dem geht’s srhr schlecht, er blockt alle ab, verkommt, trinkt.“

"Aha und weiter“?

"Nichts weiter." Wenn jemand etwas sagt wegen seines Outfits oder der Notwendigkeit eines Badbesuches, wird er laut und aggressiv. Es haben einige versucht, ihm zu helfen. Aber...“

Ich musste mir was einfallen lassen, musste aber mit Vorsicht vorgehen, das war mir klar.

Als Mark das nächste Mal anrief,erklärte ich ihm bestimmt, dass sich vom Jammern allein keine Wohnung aufräume und sie auch nicht sauber werden würde. Und wenn die Nachbarn so komisch seien, hätten sie vielleicht auch einen Grund dazu. Er brauche vielleicht nur jemanden, der beim Putzen und Aufräumen helfen würde und der sich regelmäßig um ihn kümmere.

Ich sagte ihm: „Ich habe eine Freundin, die hilft dir bestimmt. Ich kann ja mal mit ihr reden. Sie hat auch Kinder und eins davon ist gehadicapt, du brauchst dir also nichts dabei zu denken. Und wenn dann alles wieder ordentlich ist, freust du dich. Deine Nachbarn werden ganz bestimmt auch freundlicher, wenn du dich an gewisse Regeln hältst“.

So, endlich war’s mal raus, endlich hatte ich mal das gesagt, was ich schon lange sagen wollte - Puh! Du kannst wieder Luft holen, dachte ich. Und war total erstaunt, als Mark zusagte. Und so standen meine putzwillige Freundin und ich am nächsten Morgen um halb neun vor seiner Tür, bewaffnet mit Putzeimer und Wischmob. Geöffnet wurde uns von einem verschlafenen, sehr schlecht gelauntem Mark. Er sah aus, als hätte er eine Woche unter den Brücken des Neckars verbracht.

Die Wohnung aber sah noch schlimmer aus als er, und ich dachte immer, mich haut nichts mehr um auf dieser Welt!

Der Boden im Flur war übersät mit Papieren (Post der bestimmt letzten drei Jahre), Kleidungsstücken und Flaschen.

Und bei einem kurzen Blick in Küche und Bad dachte ich, wir hätten keinen Mischmob, sondern einen Spachtel mitbringen sollen. Oh du lieber Gott!

Ich riß mich zusammen.

Wir sortieren erst mal, was auf dem Boden lag. "Die Papiere müssen wir aber zusammen durchsehen, Mark.“

Nach zehn Minuten reichte es ihm schon, er wollte uns rauswerfen.

Da verließ mich die Geduld.

Wenn Du uns jetzt rauswirfst, Mark, gehe ich schnurstacks zur Polizei. So kann und darf man nicht leben. Auch du nicht!“

Wir flogen trotzdem raus.

Die Polizei schickte mich zu einem Amt, wo man mir versprach, sich um die Sache zu kümmern. Zwei Tage später rief ein junger Mann vom Gesundheitsamt an und beruhigte mich mit den Worten, man sei Kummer gewöhnt. Tage später telefon-ierten wir wieder.

Diese Wohnung hätten wir nur mit Schutzkleidung betreten düefen sagte mer der Mitarbeiter des Gesundheits-amtes. Aber wir hatten eh keine Chance. Er warf uns später sofort wieder raus, bevor wir überhaupt mit ihm sprechen konnten. Aber ich habe genug gesehen. Ich habe mich erkundigt. Bei der Wohnung handelt es sich um eine Eigentumswohnung. Mark hat einen amtlichen Betreuer, aber auch der fliegt regelmäßig aus der Wohnung, sobald er sie betreten hat.

Der Betreuer hat bereits beim zuständigen Gericht um Hilfe gebeten, doch der Richter meinte, es sei die Sache eines jeden enzelnen wie man lebe.“

 

"Mark lebt nicht, er vegetiert“, schimpfte ich.

Danke, dass Sie sich gekümmert und es versucht haben.“ 

Ich war mir sicher, dass Mark jetzt sauer auf mich sein und sich ganz sicher nicht wieder bei mir melden würde. Aber warum hatte ich so ein schlechtes Gewissen? Und stimmte es, konnte man manchen Menschen wirklich nicht helfen.

Mark rief aber wieder an, er hatte die neuen Schlüssel verloren. Drei Stück, die er  vor noch nicht mal einer Woche hatte nachmachen lassen. Alle an einem Bund, um sie nicht zu verlieren. Und doch waren sie jetzt weg.

"Da musst du durch und wohl noch mal neue beantragen“, riet ich ihm. „Du weißt ja jetzt, wie‘s geht.“ Humor ist,  wenn man trotzdem lachen kann.

Ich dachte, da er ja jetzt wieder angerufen hatte, würde er wohl nicht mehr beleidigt sein, dass ich ihm quasi das Gesundheitsamt auf den Hals gehetzt habe. Und ich nahm mir vor, Mark ab sofort auch hin und wieder anzurufen.

Als ich diesen Vorsatz wenige Tage später in die Tat umsetze, fuhr er mich sofort an „was willst du?!“ In einem Ton, der Elefanten rückwärts gehen lassen würde. Danach rief ich nicht mehr an, hatte wohl doch keine Elefantenhaut. Doch irgend wann fielen mir die Menschen ein, die in der Zeitung erwähnt werden. Menschen, die tot in ihrer Wohnung lagen, aber von niemandem vermisst wurden, da es niemanden gab dir sich um sie kümmerte. Und erst dann gefunden wurden, wenn Nachbarn den „komischen“ Geruch meldeten.

Klar, allen Menschen auf der Welt kann man nicht helfen. Wenn sich aber  Menschen mit Handicap selbst überlassen bleiben, man ihnen nicht helfen kann oder darf, dann ist das doch ganz schön bitter, oder? 

 

Was hättest DU getan?

 

Zwei Jahre später:

Mark lebt jetzt in einem geschützten Wohnprojekt und wird gut versorgt.

Es gibt Menschen die sich um ihn kümmern. Er war wohl so „weit unten“, dass er die Hand die ihm gereicht wurde, endlich annehmen konnte.

Gott sei Dank.

 

 


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