Jackpot


 

Jackpot!! 6,5 Millionen Euro. Alle Zahlen stimmen!  Gewonnen!

Markus setzte sich in den Sessel und atmete langsam und bewusst ein und aus, ein und aus.

Er würde jetzt nicht kollapieren,

6,5 Millionen und niemand da, dem er es erzählen konnte.

Ernst war in Holland, ihn konnte er doch anrufen. Wo ist meine Brille, wo hab ich sie denn wieder hingelegt? Stimmt, auf den Badewannenrand. Als Erstes werde ich mir fünf Brillen kaufen und alle gleichmäßig in der Wohnung und im Büro verteilen -  In unserem Büro.

 

Büro, Haus, Garten?

 

Langsam, langsam. Erst der Schein, dann die Zahlen überprüfen. Vielleicht ist mir ja ein Fehler unterlaufen?  Vielleicht habe ich statt der Zehn die Elf angekreuzt, aus Versehen.

Oh mein Gott, es sind wirklich unsere Zahlen. Ernsts Geburtstag am 21.10., Petras Geburtstag am 1.7. und meiner am 29.4. Zusatzzahl 3.Die drei Musketiere. Einer für alle. Alle für einen!

Hier ist die Brille und hier, Markus lupfte das Telefon, hier, hier ist der Schein. Bezahlt und abgestempelt, er hatte ihn also abgegeben. Jetzt müsste er nur noch ein bisschen Geduld haben.

Jetzt könnten sie ihre eigene Firma gründen. All die Jahre der Träume, der hundert Ideen….

Sorgfältig legte er den Schein wieder unter das Telefon.

Er setzte sich an den Schreibtisch im Wohnzimmer und wählte Ernsts Nummer. Besetzt.

Er wählte die Nummer von Petra, legte aber gleich wieder auf. Wollte er Petra wirklich in sein neues Leben mit einbeziehen? Wollte Petra denn noch teilhaben an ihren alten, gemeinsamen Träumen?

Was Ernst betraf, war er sichsicher . Aber Petra? Sie sollte die Prokuristin der Firma werden, Ernst sollte die Außenkontakte und die Reisen übernehmen und er... den Rest. Klein und bescheiden würden sie beginnen und auch die Gehälter sollten erst mal übersichtlich bleiben.

Aber war das heute noch machbar? Was verdiente Petra? Ihre Kleidung war extravagant, ihr Auto dreimal so teuer wie seines und ihre ... ach, egal. Bei 6,5 Millionen Euro, da brauchte man über so etwas wie Kleidung doch nicht nachzudenken.

 

Vor einer Woche hatte Petra ihm am Telefon erklärt, sie könne jetzt nicht mehr mit ihm und Ernst befreundet sein, denn Jörg-Dieter findet das nicht normal, wenn eine Frau wie sie mit zwei Männern befreundet ist . „Er findet das „unnormal und krank"?

"Was?“ war Markus aufgebraust, „was findet er unnormal und krank? Dass wir nicht nur deinen Körper sehen, dass wir deinen Verstand, deine Art, deine Liebenswürdigkeit schätzen, dass wir seit Jahren befreundet sind, was ist daran unnormal und krank. Spinnt der?“

Petra blieb ruhig. „Es ist vielleicht besser, ich sehe dich und Ernst mal eine Weile nicht mehr. Dann sehen wir weiter. Tschüs.“ Markus konnte es nicht fassen, sie hatte einfach aufgelegt. Was war los mit ihr?

Seit ihrer Schulzeit waren sie unzertrennliche Freunde. Petra, Ernst und Markus. Man nannte sie die drei Musketiere! Alle Drei waren Einzelkinder, der Unfall von Ernst, als sie noch in die Grundschule gingen, hatte sie zusammengeführt. Sie schworen sich damals, immer füreinander da zu sein, schlossen sogar Blutsbrüderschaft. Petra war lange Zeit eine Art  Schwester für Markus, die er nicht hatte, bis sich seine Gefühle für sie änderten.

Doch der Schwur der Brüderschaft hinderten ihn daran, seine Gefühle zu offenbaren. Er war halt der vernünftige Bruder, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte den sie sich damals so gewünscht und so sehr gebraucht hatte. Dann wurden sie erwachsen.

Mit zweiundzwanzig hatte sie Holger geheiratet. “Warum Holger?“, hatte er sie damals gefragt. Er war traurig, eifersüchtig, konnte Holger nicht ausstehen. Aber keiner ahnte etwas von seinen Gefühlen.

Er und Ernst waren die Trauzeugen.

Petra und Holger schien so glücklich zu sein, nach einem Jahr wurde Petra schwanger. Sie erwartete Zwillinge. Zwillinge in einer perfekten, heilen Welt. Doch die Zwillinge waren nicht perfekt. Eines starb gleich nach der Geburt, dass andere lebte, aber der Arzt schüttelte traurig den Kopf. Es war körperlich sehr beeinträchtigt.

Es kam in den Brutkasten. Weder Holger noch Petra konnten damit umgehen. Sie konnten disem kleinen Mensch keine Liebe entgegenbringen. Markus ging damals in die Klinik, um sich ein eigenes Bild zu machen. Schließlich wären er und Ernst die Paten der beiden Neugeborenen geworden. Er sah nur ein kleines, süßes, hilfloses Baby. Die Maschine, den Brutkasten, die Schläuche, das alles sah er nicht.

Er sah nur das winzige Wesen. Und während er dastand und es betrachtete, starb es. Als wenn dieser kleine Mensch nur darauf gewartet hätte, dass einer kommt und es annimmt, dass einer bereit wäre, es zu lieben.

Die Beziehung zwischen Holger und Petra veränderte sich dramatisch. Ein Jahr später kam es zur Scheidung, Holger ging nach Australien. Petra holte den Abschluss als Betriebswirtin nach und schloss mit einer Belobigung ab.

Sie arbeitete sechzehn Stunden am Tag, kümmerte sich nur noch um ihre Karriere, für die Markus nur ein Kopfschütteln übrig hatte. Aber ihren scharfen Sachverstand erkannte er an, bewunderte sie sogar, er wusste ja, wie die wahre Petra war. Er wusste, dass sie litt und dass das Leben, dass sie führte, eine Art Flucht war.

 

Eine Flucht in ein Glamour-Leben, in die   künstliche Welt des Geldes und einer Anerkennung, die solange galt, solange man zur Spitze der Gesellschaft gehörte. „Aber da ist niemand, der dich hält, wenn du strauchelst oder fällst“, grummelte Markus vor sich hin.

Ihre Maske legte Petra mittlerweile nicht einmal mehr ab, wenn sie mit ihm zusammen war. Es wurde höchste Zeit, sich um Petra zu kümmern.

Er wählte ihre Nummer. „Hallo Petra, schön dass ich dich erreiche.“

„Hallo, kleiner Blutsbruder, was tust du denn noch auf? Ich komme gerade nach Hause. Es ist schon spät.“

"Bist du alleine?“

"Bruderherz, ich bin alleine, was ist los?“

"Petra  hast du getrunken?“ - „Stimmt!" erwiederte sie

„Ich wollte dich morgen...“

„Morgen ist Sonntag“, unterbrach sie ihn.

Sehr scharfsinnig, morgen ist Sonntag, unser Sonntag“.

„Nein, meine Antwort ist nein!“ Schwang in Petras Stimme Panik mit?

„Ich weiß, was du mich fragen willst, meine Antwort ist nein“. Ich bin nicht mehr die Petra vor fünfzehn Jahren und vier Monaten.“ Erschrocken hielt sie inne.

Auch Markus erschrak. So genau wusste sie also, wann sie das letzte Mal Sonntagmorgens zusammen schwimmen und frühstücken waren? Könnte es sein, dass er damals einen riesigen Fehler gemacht hatte, in dem er annahm, sie würde in ihm nur den Bruder sehen?

Er war ihr Trauzeuge, der Patenonkel ihrer drei Tage alten Tochter. Er war eifersüchtig, hatte wache Nächte. Warum hatte er sich damals niemandem anvertraut? War es falsch, aus Liebe zu schweigen?

Er brauchte Zeit zum Nachdenken, musste sie ablenken.

Er konnte nicht widerstehen. „Also, keine Prokura, nur eine Runde Schwimmen, unser Frühstück und einen Heiratsantrag!“ Jetzt war es endlich heraus.

 

Heiratsantrag, Prokura?“ Ihre Stimme wurde ganz rau. „Markus?“

“Schlaf gut, mein Schatz, Schlaf gut!"

"Morgen früh um zehn, Schwimmen und Frühstück. Du weißt wo! “. Leise und bedächtig legte Markus den Hörer auf. Er würde sie keinem anderen Mann mehr überlassen. Warum war sie eigentlich beschwipst und warum war sie in dieser lauen Sommernacht allein?

Warum hatte er ihr nie gesagt, dass er sie liebte, immer geliebt hatte. Dass er lange genug ihr Bruder war?

Damals, in einer Nacht wie dieser, hatte er beschlossen, es ihr zu sagen und hatte dann doch geschwiegen warum? Weil sie ihm um den Hals gefallen war und ihm von Holger vorgeschwärmte. Sie war so glücklich und hatte so gestrahlt - sie war hübscher denn je. Und er, er der Dummkopf, der er war, schwieg.

Aber es hätte nichts genutzt, das hatte er damals gewusst. Zumindest hatte er sich das eingebildet. Dieses Mal aber würde er nicht schweigen, er würde um ihre Liebe kämpfen und er würde gewinnen!

Morgen, morgen, würden die Würfel fallen und er würde nicht nur ein reicher Mann sein, auch seine große Liebe würde endlich, endlich ihm gehören. Mit diesem Gedanken und dem Kopfkissen im Arm schlief er ein. Morgen, mrmelte er im Schlaf.

Früher gehörten die Sonntagvormittage immer ihnen. Früher, dass war die Zeit vor Holger. Ernst war für ein Jahr in Frankreich, er würde erst zum Abitur wiederkommen. Markus hatte das kleine Hotel eines Tages entdeckt, als er durch die Stadt schlenderte. Bestimmt war er früher schon mal daran vorbei gegangen, hatte aber nicht darauf geachtet. Aber heute blieb er vor dem Hotel stehen.

In einem Schaukasten wurde u.a. das kleine Schwimmbad im Haus abgebildet.

Schwimmen und Frühstück - lassen Sie sich verwöhnen“ stand unter dem Bild.

Er ging hinein, um sich vom Portier weitere Informationen zu holen. Dieser lächelte, er spürte die Verliebtheit des Jungen. „Schwimmen und Frühstück für zwei Personen. Vier Brötchen sowie Schinken, Käse, weichgekochtes Ei, Kaffee oder Tee für 18 Euro, junger Mann, güntiger kann ich es nicht machen.“

Achtzehn, hmm, achtzehn“ murmelte Markus. Der Portier, er hieß Adam, wie Markus gleich erfahren sollte, hatte Mitleid mit ihm. „Vielleicht reicht es ja für einmal im Monat?“, schlug er vor. Markus schüttelte betrübt den Kopf. Er stand da und rechnete. Er arbeitete zweimal nachmittags in einer Metzgerei, Putzen. Das war  anstrengend. Das Geld gab er seiner Großmutter, die ihn von ihrer kleinen Witwenrente großgezogen hatte, ohne je zu murren. „Weißt du, was?“ Herr Adam schrieb etwas auf einen Zettel, „kennst du die Autowerkstatt vorn am Ecke? Da gehst du hin und sagst, du kommst von Adam"

Und so kam Markus zu einer zusätzlichen Arbeit, und somit zu zusätzlichem Geld.  Zunächst drückte man ihm einen riesigen Besen in die Hand, um damit das Gelände zu kehren, danach musste er den ganzen Müll sortieren und entsorgen, der sich hinter der Autowerkstatt angesammelt hatte. Er murrte nie und durfte so immer häufiger in der Werkstatt mithelfen.

Da er nun an drei Wochentagen mittags arbeitete, musste er sonntagnachmittags lernen. Aber das machte ihm Spaß und fiel ihm leicht. Sein Körper konnte ruhen und sein Geist hatte etwas zu tun.

Der regelmäßige Aufenthalt in dem kleinen Schwimmbecken tat ihm gut. Seine Muskeln, die ihm von der harten Arbeit weh taten, entspannten sich, er bekam eine gute Figur und ein paar zusätzliche Muskeln.

Markus stand vor dem Badezimmer-

spiegel und rasierte sich in seinen Gedanken tief in der Vergangenheit. Sein Sonntags-Ritual fing um sieben in der Frühe an und endete um siebzehn Uhr, wenn er auf seinem Bett, mit einem Buch im  in der Hand einschlief.

Aber jetzt waren die Lehrjahre vorbei, jetzt würde er den Traum wahr machen. Den Traum von einer gemeinsamen Firma  Petra, Ernst, Markus und 6,5 Millionen Euro.

Es war noch früh, vielleicht konnte er Ernst ja jetzt erreichen. Doch dessen Handy war ausgeschaltet. Ob Ernst vielleicht eine Freundin in Frankreich hatte? Sie hatten nie darüber gesprochen.

Auf die Minute genau um acht Uhr betrat er die kleine Kirche zum Heiligen Josef. Als Kind war er regelmäßig mit seiner Großmutter hierher gekommen. Später, als Jugendlicher, war er sonntagmorgens vor dem Treffen mit Petra immer allein dort.

Heute, nach so vielen Jahren, hatte der Raum noch immer dieselbe Wirkung auf ihn wie damals. Es beruhigte ihn, hier zu sitzen und über die Woche nachzudenken. Er erzählte seinem Vater von den guten und den schlechten Tagen, alles, was ihn beunruhigte und was er nicht verstand.

Dabei wurde er ruhiger, bekam Ideen und manchmal löste sich ein Problem in Rauch auf. Wieso hatte er die Lösung nicht selbst gefunden, warum hier? Er hatte seinen Vater nie kennen gelernt, denn dieser starb drei Tage vor seiner Geburt. Seine Mutter hatte den plötzlichen Tod ihres Mannes nie verwunden, konnte das einzige bleibende Geschenk, das er ihr hinterließ, den Jungen, nicht annehmen. Und so wuchs er bei der Mutter seines Vaters auf. Seiner geliebten Großmutter.

Bevor er die kleine Kirche verließ, zündete er drei Kerzen an - eine für seine Mutter, eine für seine Großmutter und eine für Petra. Und wie so oft, hatte er auch heute das Gefühl, etwas geklärt zu haben, als er die Kirche verließ.

Das Leben war kein Selbstbedienungs-laden und Gott kein Garant für die Erfüllung seiner Wünsche, das hatte ihm seine Großmutter nicht nur gesagt, sondern auch vorgelebt.

Er war damals zehn Jahre alt, hatte er ein Erlebnis, dass ihn für immer prägte, lange Zeit Gott für ihn fassbarer machte, und ihm zwei Freunde fürs Leben beschied.

Er saß abends schluchzend auf seinem Bett. Großmutter klopfte an die offene Tür und fragte ihn leise und liebevoll, ob Trost und Rat gewünscht würde. Er hatte heftig mit dem Kopf genickt und so setzte sie sich neben ihn aufs Bett.

„Was für einen Kummer hast du denn, Markus, vielleicht kann ich dir raten?“

Markus schüttelte den Kopf, hielt sie aber fest.

„Du kannst mir nicht helfen, Großmutter, nicht mal Gott wollte mir helfen und nun ist es zu spät.“

„Für was ist es zu spät, Markus?“, die Großmutter strich ihm liebevoll die Haare aus dem Gesicht.

„Die Bande, ich wollte doch auch dazugehören, aber sie sagten, ich sei eine Memme, sie haben sich für einen anderen Jungen entschieden und er darf morgen die Mutprobe machen, nicht ich!“

„Nein, du nicht!“, seine Großmutter war sehr ernst geworden. „Weißt Du, was für eine Mutprobe das ist und wer der andere Junge ist? Wenn du es weißt, musst du es mir sagen. Und auch, wer zu dieser Bande gehört.“

Markus sah mit tränenverschmiertem Gesicht zu ihr auf.

„Großmutter, die Mutprobe ist geheim und die Mitglieder der Bande auch. Es ist ein Geheimbund. Das ist spannend und ganz geheim.“

Die Großmutter biss sich auf die Zunge, damit Markus nicht sah, wie sie schmunzelte. „Also, ein geheimer Geheimbund und eine Mutprobe, zu der nicht du, sondern ein anderer ausgewählt wurde. Richtig?“

Markus nickte mit dem Kopf.

„Weißt du was, wir werden heute Abend für den Jungen beten“, verkündete die Großmutter.

Für welchen Jungen? “ Markus war empört.

„Für den Jungen, der die Mutprobe macht, damit er in Gottes Schutz steht. Ich habe ein ungutes Gefühl, Markus.“

Und damit war die Sache erledigt. Nie würde er diesen Abend und den darauffolgenden Tag vergessen.

Die Großmutter hatte erklärt, dass nur Gebete erhört werden könnten, die man ernst meine, und man solle Gott nie vorschreiben, wie er was machen solle, denn vielleicht habe der ja noch eine bessere Idee, wie er helfen könne.

Sie sagte „erzähl ihm alles, was du weißt, und bitte für das Kind, das die Mutprobe bestehen soll".

„Um was soll ich denn bitten?“

Wir bitten um Schutz und die Führung der Kinder und um einen oder vielleicht auch zwei Freunde für Dich?“

Das Loslassen der Gedanken, das war das Schwierigste. Das hatte Markus schon begriffen, denn wie sollte Gott etwas „reparieren“, wenn wir es festhalten wollen, so hatte ihm die Großmutter einmal erklärt.

Freunde für mich?“, Markus strahlte, „ja, kann man das?“ Mit diesem Gebetsanliegen konnte sich Markus einverstanden erklären.

Der darauf folgende Tag schien nicht enden zu wollen. Die Großmutter behauptete, sie müsse dringend in den Zoo, sie hätte dort vor zwei Wochen gehört, dass Nachwuchs bei den Löwen erwartet würde.

"Ob wir mal nachfragen, wie es den Löwenbabys geht?“

Markus wollte zu der Zeit entweder Zoodirektor oder Tierarzt im Zoo werden. Er könne sich noch nicht festlegen, erklärte er der Großmutter immer wieder zählte er die Vor - und Nachteile der beiden Berufe auf. Bei den Tieren im Zoo vergaß Markus die Mutprobe. Die Tierpfleger kannten den Jungen mittlerweile, denn dieser stellte sachkundige Fragen, sprach mit Respekt von den Tieren, wollte unbedingt den Tierarzt kennen lernen, der normalerweise hinter den Kulissen arbeitete.

Als der Tierarzt von einem der Tierwärter hörte, wie interessiert und begeistert Markus war, nahm er sich für den Jungen mit dem großen Herzen Zeit und beantwortete all seine Fragen, dann verabschiededen sich.

Markus war begeistert! Die Löwenbabys und deren Mutter waren natürlich noch nicht für das Publikum zu sehen. Aber wie der Zufall es wollte, lief der Tierarzt  über das Gelände, als er Markus und die Großmutter wieder sah ging zu ihnen. Er fragte die Großmutter freundlich, ob Markus kurz mit ihm gehen dürfe. Er wolle ihm ein Geheimnis zeigen.

Die Großmutter lächelte und zeigte auf eine Bank, auf der sie warten würde. Markus betrat mit dem Tierarzt den Seiteneingang mit dem großen Schild „Kein Zugang“. Drinnen war ein langer Gang, links davon befanden sich die Boxen für die Tiere, die von da aus ins Freigehege gehen konnten. Abgeschirmt von den andern Tieren lag die junge Löwenmutter im Heu. Markus konnte nur ahnen, dass das bisschen Fell, das er sah, zu den Jungen gehörte. Aber eigentlich sah er gar nichts. „Gehen Sie nicht rein und untersuchen die Jungen?“, fragte Markus neugierig". „Nein Markus, wir stören die Mutter und die Jungen nicht. Wir beobachten sie nur. Je weniger sie von den Menschen gestört werden, desto besser. Du bist der Erste, der einen Blick auf die Löwin und ihre Jungen werfen darf, außer Gustav, dem Pfleger. Aber auch er hält sich fern und kommt nur zum Füttern. Löwen sind keine Kuscheltiere.“

Die Großmutter saß auf der Bank, das Gesicht der Sonne zugewandt, sie fröstelte. Sie wusste, Markus musste seinen eigenen Weg gehen, um gleichaltrige Freunde zu finden. Dabei konnte sie ihm nicht helfen, sie konnte ihn nur unterstützen. Aber wie? Die Mutprobe war doch nur der Wunsch, dazu zu gehören - gab es denn keinen anderen Weg, Freunde zu finden? Und woraus würde die Mutprobe bestehen?

An der Hand des Tierarztes kam Markus auf die Großmutter zu. Er strahlte.

Als der Zoo seine Tore schloss, fuhren sie mit dem Bus nach Hause. Zuerst dachten sie, der Stau läge am abendlichen Berufsverkehr. Markus und seine Großmutter waren so ins Gespräch über die Aufzucht der jungen Löwen in Freiheit und in der Gefangenschaft vertieft, dass sie zunächst gar nicht merkten, dass der Bus schon längere Zeit stand. Nach einer Weile gab der Busfahrer bekannt, dass es einen schweren Unfall mit der Straßenbahn an der Kurve gegeben habe und alle an der nächsten Haltestelle aussteigen könnten.

Nichtsahnend und noch ganz erfüllt von seinem Besuch im Zoo, ging Markus an der Hand von Großmutter nach Hause. Im Treppenhaus begegnete ihnen Frau Mayer, Großmutter nannte sie den „fliegenden Reporter“, denn sie wusste die Ereignisse immer schon, bevor sie geschahen.

„Haben Sie schon gehört?“, sie wartete nicht ab, bis Großmutter fragen konnte. „Ein Junge ist in der Kurve von der Straßenbahn erfasst worden. Er ist schwer verletzt oder Schlimmeres. Die Leute sagen, er stand auf den Schienen und wartete. Aber worauf?“

Kopfschüttelnd gingen  sie weiter das Treppenhaus hinauf. Plötzlich blieb die Großmutter  stehen und sagte vorwurfsvoll, “er muss in deinem Alter sein, Markus“. Dann schlurfte sie die letzten Treppen bis zu ihrer Wohnung rauf.

Die Großmutter blieb wie versteinert auf der Treppe stehen, eine Hand am Treppengeländer, mit der anderen Markus festhaltend. Dann ließ sie Markus los und stieg die Treppe wieder runter. „Komm“ sagte sie nur. Markus fragte nichts.

Schweigend gingen beide zur Kirche des heiligen Josef. Die Großmutter zündete eine Kerze an, und setzte sich mit Markus, der wie Espenlaub zitterte, in die zweite Bank ganz links.

"Was siehst du, Markus?“, fragte sie und zeigte auf den Seitenaltar. Markus kannte die Figuren gut. Es waren Holzfiguren, so hoch wie der Unterarm eines erwachsenen Mannes. Schlicht und einfach waren sie gearbeitet und hatten doch eine ganz besondere Ausstrahlung.

„Die heilige Familie“, flüsterte Markus und kämpfte mit den Tränen. „Vater Josef, Mutter Maria, das Kind Jesu und der Esel, sie fliehen nach Ägypten.“

„Richtig,“ bestätigte die Großmutter und weißt du, was?“

Markus schüttelte stumm den Kopf.

Sie hatten Angst! Genau wie wir jetzt. Angst vor dem, was hinter ihnen lag und Angst vor dem, was noch kommen wird. "Die heilige Familie hat viel Grausames und Schlimmes erlebt. Deshalb verstehen sie unsere Ängste und unser Grauen.“

„Und deshalb wollen sie uns beistehen?“, fragte Markus ganz leise, „meinst du, das Jesuskind ist jetzt bei dem Jungen?“

„Das glaube ich ganz fest. Wir wollen zusammen ein Vaterunser beten und denk dran, wir müssen ganz fest an das Gute glauben. Es heißt Dein Wille geschehe und der Wille Gottes ist immer das Gute, egal, was passiert. Manchmal verstehen wir erst nach Jahren, warum Gott etwas zuließ.“

Markus schloss die Augen und betete voll Inbrunst das Vaterunser. Und zum Schluss, nach dem Amen, sagte er noch einen Satz, der der Großmutter die Tränen in die Augen trieb.

„Ich weiß“, betete er weiter, „ich war sauer auf dich, ich wollte die Mutprobe bestehen. Danke, dass ich sie gar nicht erst machte. Bitte, mach den Jungen wieder gesund, bitte. Ich war wütend auf ihn, aber bitte hilf ihm“!

Die Großmutter nahm Markus in den Arm und ließ ihn weinen.

Wieder zuhause, brachte die Großmutter Markus noch eine Tasse Kakao ans Bett. „Schlaf jetzt, es ist schon spät, ich ruf noch bei Petras Eltern an und frage, ob sie etwas Genaueres wissen.“

„Das würdest Du für mich tun?“ - "Ja".

Am nächsten Morgen beobachtete Markus die Großmutter, die sehr schweigsam war. Er hatte heute erst um zehn Uhr Schule und sie saßen zeitig beim Frühstück. Nach dem Frühstück, das ziemlich schweigsam verlief, klingelte es an der Tür.

Überrascht schaute Markus seine Großmutter an, die ihm zunickte. Er ging die Tür öffnen.

Vor der Tür standen Petra und ihre Mutter. Erstaunt ließ Markus sie ein. Markus vergaß vor Verwunderung zu grüßen, aber das schien keinem aufzufallen. Großmutter begrüßte die Gäste freundlich und bot beiden einen Platz an.

Sie sagte „Markus, ich habe gestern Abend lange mit Petras Mutter gesprochen. Wir waren uns einig, dass das Unglück nie hätte passieren  können, wenn Ernst einen Freund gehabt hätte.“

„Es war Ernst?!“ - Unterbrach Markus die Großmutter.

„Ja Ernst, er hatte wohl keinen Freund, deshalb ließ er sich auf die Mutprobe ein.“

„Wie geht es ihm? Können wir ihn besuchen?“ Markus überlegte, was er Ernst mitbringen sollte. „Ich schenk ihm mein neues Feuerwehrauto, geht das?“ Etwas schuldbewusst schaute er zur Großmutter, wie lange hatte er gebettelt, bis er es bekam, und nun wollte er es gleich wieder Weiterverschenken.

„Ich glaube“, ergriff nun Petras Mutter das Wort, „was Ernst braucht, sind Freunde, wahre Freunde, keine Bande, bei der man erst in Lebensgefahr kommen muss, um anerkannt zu werden. „Würdet ihr zwei Ernst regelmäßig besuchen? Solange er im Krankenhaus liegt, Deine Großmutter und ich würden euch begleiten. Er wird nach dem Krankenhaus  wahrscheinlich noch eine Weile zuhause im Bett bleiben müssen. Ihr könntet, wenn es ihm besser geht, zusammen die Hausaufgaben machen. Was haltet ihr davon?“

Markus hatte die aufregenden Wochen nie vergessen. Bis heute nicht! Der Arzt hatte nach dem Unglück von einem Wunder gesprochen, dass das Bein von Ernst wieder gerade zusammenwuchs. Zuerst hatten die Ärzte gedacht, sie müssten es abnehmen. Dann sah es so aus, als würde es steif bleiben. Aber Ernst war jung, und er hatte Freunde! Die Krankengymnastin zeigte den Kindern, welche Übungen Ernst machen musste, um bald wieder richtig laufen zu können.

Bald waren sie nachmittags auf dem Krankenhausflur ein bekanntes Bild. Zuerst konzentrierten sie sich darauf, Ernst zu stützen und sein Bein richtig zu setzen, dann wurde das Einmaleins geübt. Danach setzten sie sich in die Cafeteria und teilten sich eine Cola. Auf dem Rückweg erzählte Petra vom Geschichtsunterricht.

Als Ernst drei Monate später wieder in die Schule kam, waren die drei bereits gute Freunde.

Lange Zeit hatte Markus einen unerschütterlichen Glauben. Egal, was ihm im Leben begegnete, nach einem Besuch in der kleinen Kirche war er immer getröstet.

Auch heute mit all den Erinnerungen fühlte er sich getröstet und mutig. Der Lottogewinn hatte ihm aber auch Angst gemacht. Würde ihn Petra nach all den verlorenen Jahren, den Enttäuschungen des Lebens lieben können?

Noch zehn Schritte, bis sie am Hoteleingang aufeinander treffen würden. Petra kam ihm entgegen und sah umwerfend aus. Ihre Haare standen kurz, wild und rot nach allen Seiten vom Kopf ab. Der Hoteleingang lag in einer ruhigen Seitenstraße. Markus sah nur Petra, aber plötzlich spürte er eine Gefahr, drängend und präsent! Ihre ausgestreckten Hände berührten sich schon fast, ihre Augen hielten sich fest. Markus hätte nicht sagen können, warum, aber, sein Instinkt war schneller als seine Gedanken oder seine Wahrnehmung.

Er gab Petra einen heftigen Stoß, er sah noch, wie sich ihre Augen vor Schreck weiteten, als sie auch schon durch die offene Tür des Hotels flog.

Markus aber wurde an die Wand geschmettert und hörte den Schrei, den nicht enden wollenden Schrei, er wunderte sich noch, wer denn da so schrie. Das er selber es war, wusste und erkannte er nicht. Dann fiel er endlich in eine gnädige Ohnmacht.

 

     Für Sekunden war es totenstill,  

     nichts regte sich. Die Ziet, die  

       Welt schien still zu stehen.

 

Und nun stand Markus neben dem Auto, das gegen die Wand des Hotels gefahren war. Plötzlich kam Leben in die Szene. Aus dem Hotel kamen die Angestellten gelaufen sowie Gäste und der Hotelbesitzer, Herr Graf. Er und der alte Portier rissen die Türen auf und gemeinsam zogen sie den Fahrer vorsichtig aus dem Fahrzeug. Ein junger Mann, den Markus nicht kannte, legte den Leerlauf ein und mit Hilfe von herbei geeilten Passanten schob man den Sportwagen vorsichtig nach hinten.

Markus wollte auch helfen, aber irgendwie schienen ihn die Menschen um ihn herum nicht wahrzunehmen. Jetzt drängte sich ein Mann durch die Menge und beugte sich über den jungen Mann, den sie aus dem Fahrzeug gezogen hatten. Er schüttelte den Kopf, lagerte den Mann richtig, murmelte „Schnapsleiche - kein Lebenszeichen mehr“ und dann wandte er sich dem Opfer des Unfalls zu. Markus, der mal einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hatte, wollte helfen und beugte sich neben dem Notarzt zu dem Verletzten. Und dann erschrak er ganz fürchterlich, er schaute in sein eigenes Gesicht! Erst jetzt bemerkte er die dünne Silberschnur, die ihn mit dem Daliegenden verband. Verdammt, er war doch nicht etwar tot?

Nun ging er zu Petra, die an der Hausmauer stand, weiß wie die Wand war sie. Er nahm sie in den Arm, aber warum schlang sie denn nicht ihre Arme auch um ihn? Warum nahm sie ihn nicht wahr? Und was murmelte sie da eigentlich? Dann auf einmal wusste er, was das alles zu bedeuten hatte – er war tatsächlich tot!!

Entsetzt und gleichzeitig fasziniert beobachtete er weiterhin, was um ihn herum geschah.

Plözlich stand seine schon längere Zeit verstorbene Großmutter, seine geliebte Großmutter neben ihm. Er war so überrascht, dass er etwas ungehobelt fragte “wo kommst du denn her?“

Liebevoll lächelte sie ihn an.

„Ach Markus mein lieber, es ist zu früh für dich. Du musst wieder zurück!“

„Zurück?“ Markus verstand nicht.

Aber so plötzlich, wie sie ihm erschienen war, so rasch war sie auch wieder weg. Nur der schwache Geruch nach Zitrone lag noch in der Luft, Großmutters Duft.

 

Der Rettunswagen traf ein, gleichzeitig die Polizei. Die angerückten Sanitäter beugten sich über den Körper von Markus. „Er kommt, wir haben ihn wieder“! Rief plötzlich der Notarzt aus, und dann wurde Markus von etwas in seinen Körper zurückgezogen. War er nun traurig oder sollte er sich freuen? Er wusste es nicht. Großmutters Duft, ihr Lächeln…Seine geliebte Petra...

Markus erwachte aus seiner tagelangen tifen Bewusstlosigkeit. Völlig regungslos lag er da. Er schlug die Augen auf, schloss sie aber gleich wieder. Ein grelles Licht blendete ihn. Er hörte unbekannte Stimmen, die leise miteinander redeten.

„Das ist Markus“, sagte eine junge Frauenstimme leise, „er liegt seit vier Tagen im Koma, seine Werte schwanken stark, wir wissen nicht, ob er durchkommt.“

Markus schlief wieder ein, aber es war nicht mehr der tiefe Schlaf der tiefen Bewusstlosigkeit, des Komas. Als er wieder erwachte, war es hell. An seinem Bett saß Petra. Zerzaust, ungeschminkt, bleich, mit tiefen, dunklen Ringen unter den Augen.

Petra“, flüsterte er und bewegte seine Finger auf der Bettdecke.

Sie lächelte ihn an, Tränen der Freude liefen über ihre Wangen, sie nahm vorsichtig seine Hand.

„Petra, willst Du meine Frau werden?“

Mit großen Augen sah sie ihn an.

“Ja“, sagte sie mit fester Stimme. Dann lachte sie und  rief: ,Ja,ja,ja!!!“

Die Tür wurde aufgerissen und der Doktor kam herein.

„Na, wieder wach?“ Liebevoll schaute er auf die zwei Menschen, die noch gar nicht begriffen hatten, wie haarscharf Markus dem Tode entronnen war.

 „Wir werden heiraten“, flüsterte Markus, noch ganz benommen von dem Ja.

"Heiraten? So, so, da gratuliere ich auch recht herzlich, aber ich glaube, ihr solltet vorher noch ein paar Dinge wissen.“

„Was denn?“, fragend schaute Markus den Doktor an.

Ihr Körper hat einen schweren Schock erlitten und Sie haben schwere innere Verletzungen. Sie brauchen noch viel Ruhe. Vor vier Tagen erst waren Sie für ein paar Sekunden tot. Wir müssen noch...“

Vier Tage? Moment, wollen Sie damit sagen, ich liege seit vier Tagen hier?“ 

Ja, und wenn es Ihnen besser geht und die Schwellungen und schweren Prellungen innen und außen zurückgegangen sind, müssen wir noch ein paar Tests und Untersuchungen machen. Im Moment...“

„Warum bin ich so müde?“ fragte Markus.

„Wissen Sie eigentlich, was passiert ist?“, der Arzt schaute fragend zu Petra. Diese schüttelte den Kopf.

Wir haben, wir waren...“, hilflos sah sie zu Markus. Dieser war mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Leise verließen sie den Raum.

„Lassen wir ihn schlafen, er wird seine ganze Kraft und Energie brauchen, um gesund zu werden“ sagte der Atzt.

Markus schlief zweiunddreißig Stunden tief und fest. Als er wieder erwachte, war er allein im Zimmer. Maschinen überwachten ihn. Langsam erinnerte er sich. Zuerst etwas verschwommen, dann immer deutlicher. Zuerst Petra. Hatte er ihr wirklich einen Antrag gemacht und sie hatte angenommen? Wie viel Zeit hatten sie vergeudet! Das kleine Hotel, der Unfall, und… er konnte sich genau daran erinnern, dass er außerhalb seines Körpers  war.

„Herr N. Hören sie mich?“ ein fremdes Gesicht beugte sich über Markus. „Ich bin Dr. Kutter, die Stationsärztin. Ich werde Sie von nun an betreuen. Dr. Frum ist vierzehn Tage im Urlaub. Wollen doch mal sehen, ob wir ihn überraschen können, wenn er zurückkommt.“

„Überraschen?“

„Ja", sie lachte ihn fröhlich an, „wir haben Ihnen in den letzten 14 Tagen viele Schmerzmittel verabreicht, damit Ihr Körper sich erholen konnte, die inneren und äußeren Schwellungen sind fast abgeklungen.“

"14 Tage? - Petra?“

"Ihre Petra war jeden Tag da. Wissen Sie, dass sie in einer ihrer kurzen Wachphasen ihrer Petra einen Antrag gemacht haben? Und… wissen sie, dass sie ihr eine Generalvollmacht

unterschrieben haben? Erst danach wurden Sie ruhig und schliefen mit kurzen Unterbrechungen ihrer Genesung entgegen.“

Markus überlegte angestrengt, was denn nur so wichtig gewesen war. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Er versuchte ein Lächeln.

"Wann kommt Petra immer?“

"Sie kommt um zwei, und wenn Sie sich beeilen, sind Sie schon wieder in Ihrem Zimmer, bis sie kommt. Wir beginnen heute noch mit den gründlichen Untersuchungen und wenn alles in Ordnung ist, werden Sie in den nächsten Tagen in ein Einzelzimmer auf die Innere verlegt. Die Schmerzmittel wurden schon reduziert, Sie werden jetzt nicht mehr so viel schlafen".

Nach den ersten Untersuchungen gegen 10:00 Uhr dürfen Sie auch etwas essen und trinken. Aber langsam - Schnitzel mit Pommes, das dauert noch etwas.“

"Danke, Frau Doktor Kutter. Ich glaube, ich habe Ihnen und Dr. Frum mein Leben zu verdanken.“

Die Ärztin legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte ganz ernst, „ich glaube, da müssen Sie sich bei Ihrem Schutzengel und bei Gott bedanken. Wir machten nur den Rest.“

Bevor Markus etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür und zwei Pfleger schoben  Markus samt Bett zu den Untersuchungen.

Als er erledigt und müde auf die Station zurückkam, wartete keine Petra auf ihn. Die Untersuchungen hatten viel länger gedauert als geplant. Notfälle hatten Vorrang. So wie er vor... wie vielen Tagen?, die Ärztin hatte es ihm doch gesagt. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Vierzehn Tage! Er hatte sich mit Petra zum Frühstück in ihrem Hotel treffen wollen. Der Unfall… Was war eigentlich mit dem Fahrer, war er auch so schwer verletzt, oder gar?.... Was wollte er Petra damals eigentlich sagen? Jetzt fiel es ihm wieder ein.

Der Lottogewinn, 6,5 Millionen Euro!

Die Tür ging auf und eine Schwester kam mit einem Tablett herein.

So, die erste Mahlzeit, wieder zum selbst essen, schlucken und schmecken. Das steigert sich, versprochen, aber wir fangen langsam mit einer Suppe an.“

Sie stellte das Kopfteil von Markus Bett hoch. „Schwindelig?“ fragte sie besorgt. Markus schüttelte vorsichtig den Kopf.

War Petra heute schon da? Ich kam erst spät von den Untersuchungen zurück, ist sie wieder gegangen?“

Nein, ich weiß nicht, ich habe sie nicht gesehen. Ich frage nachher die Kolleginnen. Aber jetzt müssen Sie essen, sonst verlernen Sie das noch,“ lächelnd verließ sie das Zimmer.

Markus aß seine Suppe, schlief dann aber mit dem Löffel in der Hand ein. Als er erwachte, saß Ernst an seinem Bett.

"Mensch, was machst du denn für Sachen?", begrüßte ihn sein Freund. „Ich war drei Wochen in Holland und kam gestern nach Hause. Wollte dich anrufen, aber da traf ich Petra, die mir erzählte, was passiert ist. Wie geht es dir denn jetzt?“

Markus grinste seinen Freund an. Er deutete mit dem Kinn auf den leeren Teller und den Löffel auf der Bettdecke.

Meine erste Mahlzeit, du siehst, es geht aufwärts, ich bin während des Essens eingeschlafen. Aber danke, mir geht‘s blendend. Aber wo hast du Petra getroffen? Was hat sie gesagt?“

Ernst“?, Markus setzte sich im Bett auf, Ernst, hör zu, es ist etwas passiert. Ich  weiß aber nicht genau, was. Kannst du das bitte für mich herausfinden? Als der Unfall passierte, war ich mit Petra im Hotel zum armen Ritter verabredet, wie früher. Du weißt schon“.

Ernst nickte.

Ich wollte ihr sagen, dass wir – also Du und ich - ein Geschäft gründen werden und sie zur Prokuristin ernennen wollen. Die Firma, von der wir schon so lange träumen. Ernst, du weißt es ja noch gar nicht, ich habe gewonnen.“

Was hast du gewonnen?“ fragend schaute Ernst Markus an.

6,5 Millionen Euro, Ernst, 6,5 Millionen!!“ Erschöpft ließ sich Markus in die Kissen sinken.

Ernst fing an zu grinsen. „Das ist jetzt nicht wahr.“

Doch!“

Und wie ging es weiter?“

Ich habe Prtra einen Heirats Antrag gemacht, hier im Krankenhaus und ich habe ihr eine Vollmacht ausgestellt, damit das Geld auf mein Konto kommt und sie Geld abheben kann.“

"Du hast ihr sozusagen eine Prokura für dein Privatleben ausgestellt, das ist doch in Ordnung, du vertraust ihr, ich vertraue ihr, wir wollen...“

Darum geht es nicht“, unterbrach ihn Markus. „Ich erreiche sie nicht, sie war heute zum ersten Mal nicht hier. Ich habe so ein seltsames Gefühl, Ernst irgendetwas stimmt da nicht. Und warum hat sie mit dir nicht darüber gesprochen?“

Ernst schaute ratlos. „Du meinst aber nicht, dass sie mit dem Geld“....

Nein, nein, ich weiß nicht, was es ist, sie war doch mit diesem Mr. Seltsam zusammen. Dauernd muss ich an den denken. Irgendwas stimmt nicht, du musst nachschauen, Ernst. In ihrer und in meiner Wohnung, sie hat meinen Schlüssel. Ich schwör dir, da ist etwas passiert!“

Du hast 6,5 Millionen gewonnen und einen Tag später wirst du fast getötet? Das ist ja nicht zu fassen. Das muss ich erst mal verarbeiten.“

Markus war von dem langen Gespräch und den Sorgen ganz erschöpft.

"Ich komme heute Nachmittag noch mal vorbei, ruh dich erst einmal aus, das wird schon wieder.“ Ernst ging Richtung Tür. „Das ist bestimmt ganz harmlos". Vielleicht sitzt sie mit Lockenwicklern im Haar beim Frisör, da hört man kein Handy.“

Die Freunde lächelten sich an, aber bei keinem erreichte das Lächeln die Augen des anderen. Ernst verließ den Raum.

"Ernst!“

Ernst öffnete nochmals die Tür. „Ja.“

Petra hat jetzt wild zerzauste, rote, streichholzlange Haare!“

„Aha“, ich werde sie erkennen.

Als Ernst in die Straße einbog, in der Markus wohnte, sah er eine junge Frau in Begleitung eines Mannes aus dem Haus kommen. Der Mann hielt die Frau an sich gepresst und ließ sie auf der Beifahrerseite in ein Auto einsteigen. Die Haare der Frau standen kurz, senkrecht und kupferrot vom Kopf ab, es war Petra. Ernst beschloss, den beiden zu folgen. Als ihm Klar wurde, dass sie Richtung Flughafen fuhren, rief er bei der Polizei an.

Einen Tag später war in der Zeitung zu lesen: Entführung und Millionenraub endete vor dem Flughafengebäude.

Markus ließ die Zeitung sinken. Gott sei Dank war Petra nichts geschehen.

Wie er vermutet hatte, hatte sie sich Arnold anvertraut.

„Ich brauchte jemanden zum Reden“, versuchte sie sich Markus gegenüber zu rechtfertigen. „Du bist immer gleich eingeschlafen, meine Freundin Barbara ist in Übersee und Ernst war auch nicht da. Ich habe Arnold noch ein paar Sachen aus meiner Wohnung gebracht, wir haben uns im Café getroffen. Da habe ich ihm von dem Geld erzählt. Ich weiß, das war dumm, aber ich habe mich so gefreut. Er hat mich dann gezwungen, einen Teil des Geldes abzuheben und wollte mit mir ins Ausland. Mit einer Pistole im Rücken wird Geld auf einmal ganz unwichtig. Ich habe gehofft, die Bankangestellten würden etwas merken. Aber die dachten, ich wäre so aufgeregt wegen des Geldes. Oh mein Gott, was für ein Durcheinander!"

Markus glaubte ihr. Sie standen am Anfang einer neuen Beziehung, sie würden gemeinsam mit Ernst eine Firma gründen, wie sie das seit Jahren schon geplant, geprüft und durchdacht hatten. Aber erst einmal würden sie sechs Wochen Urlaub in Spanien machen. Auf einem Campingplatz ganz im Süden am Meer. So, wie sie auch das, schon bereits in der Schule geplant hatten. Nur trampen müssten sie jetzt nicht mehr. Das Wohnmobil, das auch in ihren verwegenen Träumen von damals vorkam, würde sie nach Südspanien bringen. Es würde sich eben um ein neueres Modell handeln.

Als Markus aus dem Krankenhaus entlassen wurde, holte Ernst ihn ab.

Oh Gott, Markus, du siehst besch....bescheiden aus. Der Urlaub wird dir bestimmt gut tun. „Denk einfach nicht an das, was kommt, das wird sich alles fügen. Unsere Pläne sind gut.“

Markus nickte, seine Gedanken waren ganz woanders.

„Ich muss noch wohin, biegst du da vorn bitte ab und dann links.“

Ernst tat, worum Markus ihn bat.

„Hier kannst du anhalten, ja hier - vor der Kirche. Bist du bitte so lieb und bringst schon mal meine Sachen nach Hause? Ich komme zu Fuß nach, ist ja nicht weit".

 

"Ich werde mich bei jemandem bedanken".


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