Herbst des Lebens

 

Elsa stand am Fenster und starrte in den Regen. Nach einem herrlichen September und einem fast sommerlichen Oktoberanfang brachte der November den Regen und die Kälte. In einer Nacht nur war ihr lieblings Baum vor ihrem Wohnzimmerfenster seiner ganzen rot-gelben Pracht beraubt worden. Die Äste, die ihr leuchtendes Herbstkleid vor Tagen noch der Sonne entgegenhielten, streckten ihre Zweige nun kahl und wie hilfesuchend dem Himmel entgegen.

Die ganze Nacht hatte ein Sturm gewütet, war um das Haus getanzt, brachte die Kälte und die erste Ahnung von einem frühen strengen Winter.

 

Helma und Selma, Elsas Katzen, suchten Schutz und Wärme in Elsas Bett, auch ihnen war der Wetter-Umschwung unheimlich.

Auf der nahe verlaufenden Autobahn  gab es einen lauten Knall, ein paar Minuten später hörte man zwischen dem Brausen und Sausen des Sturmes die Rettungsfahrzeuge  die Martinshörner heulten, sie wurden nicht leiser, entfernten sich lange nicht.

Elsa stand auf und schaute aus dem Fenster. Draußen war es stockdunkel, sie hörte den Regen auf den Asphalt klatschen, der Wind heulte, die Nacht war undurchdringlich. Sie war in Gedanken bei den Menschen auf der Autobahn. Sie betete für die Beteiligten, mehr konnte sie nicht tun. Sie spürte in sich den Drang, hinaus zu gehen, hinaus in das Chaos der Natur. Aber sie würde sich darin verlieren.

Aber vielleicht, dachte sie, würde sie da draußen ja ihr eigenes Chaos verlieren? Vielleicht würde der Sturm dieses Chaos das in ihem Inneren herrschte mitnehmen, wie auch all die Blätter ihres Baumes? Ein Blitz erhellte das Zimmer, ein gewaltiger Donner folgte.

„Mama, wo bist du, Mama?“

Elsa drehte sich langsam um, kam wieder in die Realität zurück. Sven stand an ihrem Bett und tastete suchend nach ihr.

„Ich bin hier, Sven, hier am Fenster.“

Sven kam zu ihr, umschloss sie mit seinen Armen, drückte seinen Kopf gegen ihren Hals, er war bald so groß wie sie. Seine Hand glitt über ihr Gesicht, „Mama, du weinst ja, hast du Angst vor dem Gewitter? Du weinst doch nie.“

Sven hielt seine Mutter fest umschlungen.

Elsa hatte nicht gemerkt, dass sie weinte, sie drückte sich fest an ihren Sohn. Die Sirenen waren verstummt. Das Wüten des Sturmes hatte nachgelassen, die Straße war voller Zweige und Äste. Der Sturm in Elsas Herzen aber wütete weiter. Würde sie je wieder Ruhe und Gelassenheit finden? Die Dinge so nehmen, wie sie kamen? Sie konnte sich gegen das Schicksal nicht auflehnen. Sie konnte es nicht besser wissen als Gott. Ihr Verstand akzeptierte, ihr Herz rebellierte. Seit Anbeginn der Menschheit kämpften die Menschen mit den Naturgewalten, wollten Gott vorschreiben, was gut für sie wäre, und welchen Kelch er am besten an ihnen vorübergehen lassen sollte.

Ihr Herz war so schwer, sie sehnte sich nach Geborgenheit und Liebe.

Er, der ihr diese zwei Dinge zwanzig Jahre lang geschenkt hatte, war fort. Fort für immer, und doch spürte sie, dass es ihm jetzt besser ging. Dort, wo er jetzt war, war er geborgen und er war gesund. Aber er ging allein, er ging viel zu früh.

Ihr Verstand ließ ihn ziehen, ihr Herz weinte. Nach außen aber spielte sie die starke Frau.

Er ließ sie zurück, allein und einsam. Die letzten zwei Jahre waren die Hölle für sie, obwohl alle fanden, sie halte sich gut. Ihren Kindern und all ihren Freunden hatte sie immer zu vermitteln versucht, es ginge ihm jetzt gut, also gehe es ihr selbst auch gut. Aber das stimmte nicht! Ihr ging es nicht gut! Ihr fehlten die Gespräche, ihr fehlten die Kabbeleien, die Auseinandersetzungen. Ihr fehlten die Blicke des wortlosen Verstehens, die schweigsamen Spaziergänge und die Nähe, die sie dabei spürten. Die Verbundenheit mit der Natur, das schweigende Staunen beim Anblick eines ihrer Lieblingsbäume. Und ihr fehlten die  wortlosen Liebesbezeugungen, wenn ihre Blicke sich trafen.

Ohne ihn wurde sie plötzlich zu einem ganz anderen Menschen. Als er noch da war, war sie immer kontaktfreudig. Sie war viel unterwegs, sie war gesellig. Und jetzt? Sie zog sich immer mehr zurück, ihr Bekanntenkreis wurde immer kleiner. Die engsten Freundinnen verstanden sie, ließen ihr Zeit, drängten sie nicht, riefen immer wieder an, waren da, wenn sie bereit war, mit ihnen zu sprechen. Und ihre Kinder brauchten sie doch noch, sie musste für sie da sein. Nein, sie wollte keine alte verbitterte Frau werden. Eines Tages würde sie schon einen Weg finden, weiterleben zu können, ohne zu leiden. Schließlich waren ihre Kinder an der Schwelle des Loslassens, des Erwachsenwerdens. Aber danach würde sie allein sein – an der Schwelle des Alters und allein.

Aber noch war es nicht soweit, sie malte nur in diesen dunklen Stunden ihres Lebens dunkle Bilder. Noch hatte sie ja ihre Kinder. Sven hielt sie immer noch in seinen Armen.

„Danke, mein Lieber, das hat gut getan, jetzt geht es mir besser“ zärtlich strich sie ihrem Jüngsten über die Haare. „Das Unwetter ist vorbei, schlaf schnell wieder ein.“

 

„Wieder gut, Mama?“

„Mir geht es gut, danke mein Schatz, schlaf schön.“

 

„Mama?“

 

„Was ist denn, Sven? Gib jetzt Ruhe, bitte.“

„Der Papa fehlt dir, stimmt´s?“

„Stimmt.“

„Ich hab dich lieb Mama, und Paul auch. Gute Nacht.“

Elsa kuschelte sich wieder ins Bett, draußen war es ruhiger geworden, es regnete nur noch ganz sacht.

Helma und Selma  kuschelten sich an ihre Füße. Dann kroch Helma hoch, legte sich auf Elsas Bauch, drehte ein paar Kreise, ließ sich dann wieder fallen und schaute sie  prüfend an.

„Gute Nacht, ihr Zwei, danke, dass ihr bei mir schlaft.“ Elsa streichelte Helma, die sofort laut zu schnurren anfing. Beruhigt, ein Lebewesen bei sich zu haben, schlief Elsa wieder ein.

Sie träumte:

Sie stand vor einem wunderschönen Haus.

Es war das Haus, das ihr Mann vor vielen Jahren entworfen hatte, dessen Bau er aber nie realisieren konnte. In ihrem Traum aber stand es jetzt da, mit dem breiten Balkon, der um das ganze Haus ging, mit den großen Fenstern, die fast die ganze Front einnahmen. Imposant, dachte Elsa, genau, wie er es sich immer gewünscht hatte. Sie spürte seine Anwesenheit, konnte ihn aber nicht sehen. Doch sie spürte, dass es ihm gut ging.

Schweißgebadet wachte sie auf. Ihr war heiß, sie deckte sich auf, drehte sich auf die andere Seite, das Protestmiauen zweier aus dem Schlaf gerissenen Katzen erschreckte sie.

Er lebte sein Leben jetzt in einer anderen Welt, ohne sie.

Sie musste noch bleiben, ihre Aufgabe hier war noch nicht beendet.

Sie dachte an ihren letzten gemeinsamen Tag, ihren zwanzigsten Hochzeitstag. Er war sehr krank, war gerade erst aus der Klinik nach Hause gekommen. Sie waren so glücklich . Sie würden es schaffen, sie hatten es schon so oft geschafft.

Aber dieses Mal hatte er es nicht geschafft. Dieses Mal nicht.

Und dann war er plötzlich weg, es ging so schnell.

Die Einsamkeit hatte wie eine große Welle über ihr zusammengeschlagen.

Meine Güte, wie viele schlaflose Nächte hatte sie gehabt? Doch sie hatte es geschafft. Wieder einmal geschafft, obwohl sie nachts kein tiefes Atmen eines Familienmitgliedes mehr hörte, das sie beruhigte. Aber sie hörte das Atmen der Tiere. Ihre Tiere spürten ihre Einsamkeit, hatten sogar geheim einen  Waffenstillstand geschlossen. Denn nun kamen Hund und Katzen in der Nacht, wenn sie eingeschlafen war, beide zu ihr ins Bett, um sich morgens beim Erwachen völlig erstaunt anzuschauen. Wie hatte das geschehen können, zusammen im verbotenen Bereich zu erwachen?

Plötzlich waren die Tage auch angefüllt mit Terminen. Ihr erstes Buch, kam auf den Markt und erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit.

Bei Lesungen lernte sie neue, nette Menschen kennen. Verabredungen wurden getroffen. Ihr Leben bekam ganz langsam wieder einen Sinn.

So nach und nach gelang es ihr, die neuen Freiheiten zu genießen. Und sie erkannte, dass es gar nicht so schlecht war, jetzt mal frei zu sein von familiären Bindungen. Die Einsamkeit, die sie zunächst gelähmt hatte, existierte plötzlich nicht mehr. Freundschaften, die sie in den letzten Jahren verloren hatte, wurden durch neue Freundschaften ersetzt.

Die Karten ihres Lebens wurden neu gemischt, ein neues Spiel begann.

Nein, sie war noch nicht alt. Ihr Leben war bunt und neu. Sicher, der Herbst ihres Lebens hatte begonnen, aber er versprach bunt, fassettenreich warm an Gefühlen und spannend zu werden.

Als sie dann so weit war, über ihre Gefühle zu reden, bekam sie viele Rückmeldungen von den unterschiedlichsten Frauen. Frauen zwischen 50 und 70, die - wie sie – gelernt hatten, loszulassen und die ein neues, sinnvolles Lebenskonzept gesucht und gefunden hatten. Diese Gemeinschaft der Frauen tat ihr gut und Elsa fand neue Ziele, neue Sichtweisen und begriff, dass sie das Leben an sich und die Menschen nur dann verstehen konnte, wenn sie auch einen Teil von sich selbst preisgab.

All die Frauen, die sie bei Lesungen in Kirchengemeinden und Bürgertreffs kennen lernte, hatten „ihr“ Leben gelebt. Und keines war wie das andere. Jedes Schicksal barg Schönes, Trauriges, Sinnvolles, manchmal Tragisches. Sie war fasziniert davon, wie andere Frauen damit umgingen, welche Lehren sie daraus zogen. So verschieden die Schicksale waren, so verschieden war auch der Umgang mit Wut, Trauer, Freude und Glück.

Elsa erkannte mittlerweile, wann sie bereit war, auf andere Menschen zuzugehen. Wann sie sich und anderen die Möglichkeit bot, zu wachsen", zu lernen, zu geben und zu nehmen.

Die Ängste ihrer Mutter konnte sie erst jetzt nachvollziehen. Denn auch ihre Mutter hätte lernen müssen, loszulassen, vor allem ihre Kinder. Hatte Sie vielleicht der Tod ihres Mannes und später der ihrer erstgeborenen Tochter sie in die Demenz getrieben? War die Krankheit für sie vielleicht ein Schutz gewesen, mit der Einsamkeit umzugehen?

Elsa hatte viel nachzudenken.

Im Sommer des Lebens denkt man ab und zu an den Herbst.

An das erste graue Haar, die erste Linie im Gesicht, die zu einer Falte wird. Aber noch „steht man mitten im Leben“!

Ein leiser kühler Wind treibt die bunten Blätter der Bäume vor sich her, sie tanzen und wirbeln umher, die Sonne lässt ihre Farben leuchten.

 

  Im Herbst des Lebens!


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