Ein Strauß Geißfuß

 

Marianne beobachtete gern Menschen

von weitem. Das heißt, am liebsten beobachtete sie, was sich auf dem Marktplatz vor ihrem Fenster abspielte. Dabei ließ sie ihrer Fantasie freien Raum, hauchte den Statisten Leben ein. Ihrer Haushaltshilfe Hagar, die zweimal in der Woche kam, konnte sie die Personen so genau beschreiben, dass diese oft erriet, wer sie waren.

"Sie beschreiben ja meine Schwester, wie Sie sie charakterisieren, genau meine Schwester!“ rief Hagar eines Tages aus.

"Ihre Schwester?“ Marianne war verblüfft.

"Ja, sie kommt nicht so oft in die Stadt, sie liebt das offene Land. Aber wenn sie kommt, trinken wir bei mir Kaffee.“

Marianne dachte scharf nach. „Es war letzten Mittwoch und eine Stunde, bevor ich ihre Schwester sah, sah ich Sie, Hagar. Sie holten Kuchen beim Bäcker“, gespannt wartete Marianne, ob sie Recht hatte.

"Oh je, stimmt. Was für ein scheußlicher Tag. Mein Backofen gab den Geist auf, deshalb kaufte ich Kuchen.“ Verblüfft hielt sie inne. „Sie kennen meine Schwester doch gar nicht, aber Sie beschreiben sie, als wenn Sie sie kennen würden.“ Hagar schüttelt den Kopf. „Oder kennen Sie meine Schwester doch“?

Marianne lachte, was bei ihr selten vorkam. „Sie wissen doch um meine Beobachtungsgabe. In der nächsten Ausgabe des „Goldenen Zeitalters“ werden Sie die Beschreibung Ihrer Schwester wiederfinden. Morgen habe ich Abgabetermin.“

"Und ich“, seufzte Mariannes Perle, "Ich putze heute Ihr Schlafzimmer gründlich. Der neue Backofen zahlt sich nicht von selbst.“

Wie jeden Tag, wenn sie sich gut fühlte, saß Marianne zwischen zwölf und vierzehn Uhr am kleinen Fenster ihres Wohnzimmers Karli der dicke schwarze Kater machte es sich auf ihrem Schoß bequem. Die Fenster des Hauses waren sehr niedrig, beim Fensterputzen musste man sich nicht strecken und recken, nein, man musste sich bücken. Sie hätte gern den Architekten des Hauses kennengelernt. Aber für ihre Bedürfnisse war es ideal. Sie hatte im Sessel sitzend einen herrlichen Blick auf den Marktplatz. Genau so wie Karli, träge den Kopf auf Frauchen Schoß,genoss er den Ausblick. Sicher geborgen beobachtet auch er das Treiben auf dem Marktplatz.

Aber er sah ganz andere Wesen mit seinen scharfen Augen, wie sein Frauchen.

 

In ihren Gedanken war es jetzt immer ihr Marktplatz.

 

Trotz der niedrigen Fenster konnte Marianne den Himmel sehen. Er war heute tief blau und die strahlende Sonne ließ die Häuserfassaden erstrahlen.

Mit Recht konnte sie behaupten, sie wohne im schönsten Fachwerkhaus am Platz. Der Marktplatz hatte sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert. Er war schon immer Mittelpunkt der kleinen Stadt gewesen. Zweimal in der Woche war Markt und das seit 350 Jahren, das war sogar urkundlich belegt. Marianne hatte lange im Stadtarchiv gesesen und uralte Dokumente gewälzt. Die kleine Stadt und ihre Geschehnisse würden sich gut in eine Geschichte einarbeiten lassen. Sie hatte das Angebot einer großen Zeitschrift bekommen, zehn abgeschlossene, aber doch zusammenhängende Kurzgeschichten abzuliefern. Mit wie vielen Anschlägen eigentlich - ach, wenn ich mir das doch mal merken könnte!Sie zuckte mit den Schultern.

Im Vertrag würde es stehen.Das Angebot reizte sie. Heute noch musste die E-Mail mit der verbindlichen Zusage raus .

Im Stadtarchiv war sie auf ihre eigene Vergangenheit und dem wunderlichen Geheimnis gestoßen, dessen Rätsel sie schon ein halbes Leben verfolgte. Lange Zeit konnte sie nicht glauben, was sie da las.

Jetzt gehörte ihr das wunderschöne, schmale kleine Fachwerkhaus wirklich, ihr ganz allein. Der Notar hatte also Recht! Sie hatte den armen Mann in schiere Verzweiflung getrieben, weil sie nicht begreifen konnte, was er ihr vorlas und was doch aktenkundig war. Schon als Kind, wenn sie quer über den Marktplatz zur Schule ging, hatte sie davon geträumt, dieses Haus zu besitzen. Der Kindertraum eines schüchternen und einsamen Kindes. Ganz besonders gefielen ihr schon als Kind, die Markttage. Wie oft hatte sie sich gewünscht, die Mutter würde am Blumenstand sitzen und könnte den betörenden Duft der Wildblumen  einatmen, sich an den bunten Farben erfreuen. Dann hätte sie nicht die schmutzige Wäsche anderer Leute waschen müssen. Ihre Mutter kannte alle Wildblumen mit Namen und zeigte Marianne auf ihren Spaziergängen am Sonntagnachmittag all die bunten, oft kleinen Wunder der Natur. Sie konnte herrliche Sträuße aus Geißfuß, Mohnblumen und Kornblumen binden. Oft duftete das Zimmer auch nach blühendem Zierlauch und Schnittlauch.

Marianne träumte ihre Mutter in das Haus, in dem sie jetzt wohnte. Sie sah förmlich, wie ihre Mutter dicke Betten ausschüttelte und sie dann zum Lüften über das Fensterbrett hängte. Der Strauß von Grasnelken und Arnika, gemischt mit duftendem Estragon und einem Stängel Wermut, der auf der Anrichte stand, hätte ihr gefallen. Was wäre das für ein Leben gewesen, in diesem Haus aufzuwachsen. Aber… es hatte nicht sein sollen.

Der Marktplatz gefiel ihr genau so gut wie die Lage ihres neu sanierten Hauses. Der Marktplatz hatte von Generation zu Generation Veränderungen, Sanierungen, Sinn und Unsinn der Stadtpolitik über sich ergehen lassen müssen. Aber es gab immer noch das Kopfsteinpflaster, den Brunnen mit seinen schmiedeeisernen, wunderschönen Girlanden und es gab noch den alten Lindenbaum. Gab es außer diesem wunderschönen Lindenbaum, der der Kleinstadt ihren Namen gegeben hatte, eigentlich noch weitere Linden in der Umgebung?

Ihre Gedanken schweiften zurück.

Vor einigen Jahren wollten die Stadtpolitiker den Lindenbaum fällen. Wegen des vielen Laubes, wenn es geregnet hatte, konnte man auf dem nassen Laub schon mal ins Rutschen kommen. Deshalb war die Stadt gezwungen, öfter zu kehren und das ging ins Geld. Also Sparmaßnamen - das würden die Bürger schlucken. Kein Baum, kein Laub im Herbst. Also gespart. Das Thema wurde bei der nächsten Sitzung des Stadtrates angeschnitten, die Abstimmung lief unter „Verschiedenes“. Das war immer der letzte Punkt in der Versammlung, wenn alle schon müde waren und nach Hause oder zu ihrem Bier in die Linde wollten. Am Stammtisch in der Linde ging es jedes Mal nach einer Gemeinderatssitzung hoch her.

 

Ein paar Tische weiter hatte ein Fremder gesessen. Das war nichts Besonderes, die Kleinstadt lebte vom Fremdenverkehr. Dieser Fremde hatte die jeweiligen Gespräche mitbekommen. Und wusste nun endlich, über was er schreiben konnte.

Er war in erster Linie Umwelt- und Tierschützer, sein Geld aber verdiente er als freier Reporter. Seit sechs Wochen reiste er bereits durchs Land und wunderte sich immer noch, wie die Menschen mit der Natur und den Tieren umgingen. Immer wieder fiel ihm der Wahlslogan einer damals in den 70er Jahren noch jungen Partei ein. `Wir gehen mit dieser Welt um, als  hätten wir noch eine zweite im Rucksack.`

 

Nach einer Weile trank er sein Bier aus. Er hatte den Artikel im Kopf den er nun gleich schriftlich festhalten und per E-Mail in die Reaktion senden musste. Überschrift „Die letzte Linde in Lindental soll geopfert werden, weil sie im Herbst das Laub abwirft.“

Als der Artikel erschien, er schlug ein wie eine Bombe. Und nun protestierten auch Einwohner und Besucher, sie

versammelten sich um die Linde und riefen „Linde tot, Menschen tot, Linde tot, Menschen tot!!“ Der Bürgermeister hatte vor Wut gekocht, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als den aufgebrachten Bürgern zu versichern, dass das alles ein Missverständnis sei und der Baum selbstverständlich nicht gefällt werden würde.

Wieder in der Gegenwart, überlegte Marianne weiter, welche Geschichten sie schreiben könnte. Wie wäre es z.B. mit denen ihrer Kindheit und Jugend und der Geschichte ihrer Mutter? Sie wusste mittlerweile, dass sie das Kind einer großen, wenn auch tragischen Liebe war.

Oder wenn sie die Geschichten, die das Leben ihrer Mitschüler beschrieb, als Mittelpunkt nähme? Schließlich könnte sich jeder dort irgendwie finden. Denn es war ja auch immer irgendwie ihre Geschichte. Und wie einst Aschenputtel würde sie im Ansehen der Bürger steigen. Aus dem armen, schüchternen, kranken und vaterlosen, kleinen Mädchen war immerhin nach Jahrzehnten eine selbstbewusste, reiche Frau geworden, die endlich begriffen hatte, das die Liebe oft seltsame und verschlungene Wege geht. Sie hatte schon immer gewusst, dass sie sich eines Tages der Vergangenheit stellen musste. Und jetzt schien es an der Zeit.

Als Schriftstellerin wusste sie Tatsachen so zu umschreiben, dass es den Lesern gehen würde wie ihrer treuen Seele Hagar. Hagar war nicht nur ihre Haushaltshilfe, sondern auch eine ihrer wichtigsten „Testpersonen“, wenn es darum ging, jemanden zu beschreiben. Wie zum Beispiel Doris.

 

Doris

 

Direkt unter dem Wohnzimmerfenster von Marianne baute Doris zweimal die Woche ihren Blumenstand auf. Hübsch war sie geworden, die Doris. Marianne lernte auch Doris Familie kennen - zumindest von ihrem Fenster aus. Sie hatte zwei Buben. Stattliche Männer würden das werden, wenn sie ihrem Vater nachschlugen, der am Markttag morgens seiner Frau half, bis alle Sträuße und Blumen mit Wasser versorgt waren und auf den Biertischen hellblaue Tischtücher lagen. Die Kinder halfen ebenfalls mit, bevor sie sich ihre Schulranzen schnappten, um in die Schule zu gehen. Marianne beobachtete, dass Doris eine feine Gabe hatte, Männer und Frauen auf ihre Ware anzusprechen. Sie musste nie lange auf die ersten Käufer warten. Aus ihr war wirklich eine richtig gute Verkäuferin geworden. Es war ein Augenschmaus, wie sie ihre Ware feil bot. Sie kleidete sich auch gut. Drei verschiedene Dirndl hatte sie, die sie wechselweise trug: ein blaues, ein rotes und ein grünes. Ihre langen, dunklen Ringellocken hatte sie kunstvoll hochgesteckt. Sie war ein bisschen fülliger geworden, aber das passte zu ihr.

Soweit Marianne vom Fenster aus beobachten konnte, war sie dezent geschminkt und hatte eine glatte, leicht gebräunte Haut.

 

Hannes

 

Es dauerte eine Weile, bis sie Hannes erkannte. Er war eine Klasse über ihnen gewesen und der Schwarm der halben achten Klasse war. So, so, Doris hatte sich also den Hannes geangelt. Nicht schlecht. Er hatte sich zu einem stattlichen Mann gemausert – groß, muskulös, blond, die Haare ein bisschen zu lang, aber er sah wirklich richtig gut aus. Er wirkte gutmütig, ging liebevoll mit seinen zwei Jungen um.

Die andere Hälfte der Klasse schwärmte damals für Klaus, den besten Freund von Hannes.

Klaus war ums Leben gekommen, hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Wer die Frau von Klaus geworden war, hatte Marianne noch nicht in Erfahrung bringen können, auch über die Kinder wusste sie noch nichts. Aber auch das würde sie noch herausfinden. Sie würde nachher Hagar bei einer Tasse Kaffee danach fragen. Und sie würde ihr einen Schein extra geben für den Backofen. Hagar hatte bisher noch nicht bemerkt, dass Marianne deren Informationen in bares Geld umsetzte, aber ein schlechtes Gewissen hatte Marianne deshalb nicht. Schließlich hatte Hagar eine gute, sichere Stelle und wurde gut bezahlt. Das hatte die Tochter von Hagar nicht....

Große, bunte Sonnenschirme hätten normalerweise teilweise die Sicht auf das Geschehen versperrt, aber dank der tiefen Fenster hatte Marianne gute Sicht, ohne selbst bemerkt zu werden. Doris hätte auch gar keine Zeit gehabt, die Fassade des Hauses hinter ihr zu mustern. Überhaupt hatte diese freundliche Marktfrau wenig mit der Doris gemein, die Marianne in ihrem Kopf hatte.

Doris und Klaus also. So unangenehm die Erinnerungen an die Mädchen ihrer Kindertage waren, so nichtssagend waren die Erinnerungen an die Jungen. Marianne war fest davon überzeugt, dass sie gar nicht mitbekommen hatten, was sich auf dem Heimweg von der Schule zwischen Schulhaus und den Wohnhäusern der Kinder abspielte.

Der Notizblock, der auf einem kleinen Biedermeiertischchen lag, füllte sich mit  Notizen. Marianne konzentrierte sich noch einmal auf den Marktplatz. Die Häuser rundherum hatten sich entgegen der Pflastersteine stark verändert. Es gab schöne Läden mit bunten Auslagen, gegenüber war ein Bistro. In der Mitte des Marktplatzes stand ein wunderschöner Brunnen, gleich neben dem Lindenbaum. Die schmiedeeisernen Figuren, die ihn schmückten, waren weit über die Kleinstadt hinaus bekannt. Im Sommer fanden dort immer die Wasserschlachten nach der Schule statt, heute wie früher. Und einmal wäre Marianne in ihm beinahe ertrunken. Falsch, dachte sie, man ertrinkt nicht, wenn einem der Kopf unter Wasser gehalten wird. Man erstickt. Sie hatte Sekunden lang gedacht, sie stürbe.

Dann wurde sie losgelassen. Als sie wieder Luft bekam, das Wasser aus Augen und Gesicht gerieben hatte, ließ sie sich am Brunnenrand hinuntergleiten und saß zitternd, nass und weinend da. Als sie aufsah, war sie allein. Der Marktplatz war wie ausgestorben. Die Geschäfte rundherum gab es damals noch nicht.

 

Sie wusste noch genau, wer bei der Wasserschlacht dabei war. Aber warum hatten die anderen Kinder es geduldet? Was war der Auslöser, weshalb suchten sich die Kinder zu ihren groben Späßen Marianne aus? Lag es an ihrem verkürzten Bein? An ihrer Vaterlosigkeit oder an der Mutter, die die ganze Woche bei einigen Müttern der Klassenkameradinnen die Wäsche wusch, die Wohnungen säuberte und aufräumte?

Besonders schlimm war es für die damals zwölfjährige Marianne, wenn die Mutter Kleider für sie mitbrachte. Abgetragene, aussortierte Kleidung. Kleidung, die ihre Mitschüler erkannten.

Schau mal, ist der Rock nicht nett“, konnte die Mutter lächelnd fragen. „Von wem?“ fragte Marianne achselzuckend zurück. „Die Mutter von Gisela hat ihn mir gegeben, sie geht nicht mehr zur Schule. Schau, und eine farblich passende Bluse ist auch dabei.“ - Marianne überlegte. Gisela hatte keine jüngeren Geschwister. Also keine Gefahr, wenn sie die Sachen trug. Ihrer Mutter zuliebe zeigte sie mehr Freude, als sie wirklich empfand. „Ich werde sie am Sonntag zur Kirche und zum Spazieren gehen anziehen. Die Sachen sind hübsch. – Danke.“ 

 

Margit und Margret

 

Das Bistro gegenüber Mariannes Haus wurde von M&M geführt. M&M waren die Anfangsbuchstaben von Marit und Margret, sie waren Zwillinge. Früher hatte sie niemand auseinander halten können. Sie waren immer gleich angezogen, die Lehrer hatten ihre liebe Not mit den Beiden gehabt. Ab der dritten Klasse wurden sie in zwei verschiedene Klassen gesteckt. Aber auch das half nicht viel.

Wer saß in welcher Klasse?

Aber als sie älter wurden, wurde es schwierig für die Zwillinge die Lehrer zu täuschen, denn… Margit konnte besser rechnen und Margret war in Deutsch besser.

Diese beiden hatten auch dem sog. „Fünferrat“ angehört. „Marianne, Marianne, das fünfte Rad am Wagen, das kann man gar nicht tragen“, so riefen die Kinder nach der Schule Marianne hinterher.

Von 12:00-13.30 Uhr konnte man im Cafe M&M für 5 Euro nicht nur ein Mittagessen bekommen, sondern auch Kaffee und Kuchen. Geöffnet war das Café bis 19:00 Uhr. Jeden Abend um Punkt 18:45 Uhr sicherte Margret Tische, Stühle und Sonnenschirme mit Ketten und Schlössern.

Für den Mittagstisch war Margret zuständig, für die Kuchen Margit. Mittlerweile handelte es sich bei den beiden um zwei völlig voneinander gelöste Persönlichkeiten. Niemand würde den beiden mehr ansehen, dass sie sich mal wie ein Ei dem anderen geglichen hatte. Margret kleidete sich elegant, trug eng anliegende, lange Röcke und schmal geschnittene Blusen. Ihre brünetten Haare trug sie schulterlang, mit Spangen nach hinten gehalten. „Hat was“, dachte Marianne.

Margret hatte kein Gramm zu viel, war aber weit davon entfernt, dürr zu sein. Sie zeigte, was sie hatte, wenn sie sich auch hinter einem strengen Äußeren versteckte. Zu ihren Kunden war sie freundlich und aufmerksam und bei den Stammkunden blieb sie beim Kassieren auch schon mal auf einen Schwatz stehen.

Auch Margit hatte sich eine gute Figur erhalten, sie hatte ein paar Pfund weniger als ihre Zwillingsschwester. Aber im Gegensatz zu ihr bevorzugte sie eng anliegende Hosenanzüge, manchmal mit weißen Blusen, manchmal mit Hemd und Krawatte. Die Haare trug sie streichholzkurz; dunkelrot gefärbt und mit viel Gel  standen sie wild vom Kopf ab.

Beide - Margret und Margit - waren fleißig, soweit Marianne das von ihrem Beobachtungsposten aus beurteilen konnte. Jeden Morgen, Punkt 9:30 Uhr, fuhren sie in ihrem Auto — ein altes Ding, Marianne kannte sich da nicht aus, wunderte sich nur, dass die zwei sich kein neueres Auto leisten konnten — vor den Eingang ihres Geschäfts und luden die frischen Zutaten aus. Was es heute wohl gab? Marianne entschied, heute essen zu gehen. Wegen des Kopfsteinpflasters, das ihr große Mühe beim Laufen machte, würde sie Hagar überreden, mitzukommen. Erkennen würde sie keiner.

 

Rosel

hatte den Laden von ihren Eltern übernommen, schräg links vom Café. Früher war das ein reiner Zigaretten- und Zeitungsladen gewesen, aber heute konnte man dort auch bunte Tücher sowie Schals und Hüte bekommen. Im Winter kamen dann noch Handschuhe mit und ohne Finger dazu, sowie bunte Mützen und dicke Wollsocken. Rätselhaft, wie die Rosel das durchhält, überlegte Marianne. Letzte Woche wurden ihr zwei von den großen und eins von den kleinen Tüchern geklaut. Überhaupt hatte Marianne schon häufiger jemanden beim Klauen beobachten können.

Rosel hatte sich zu einer staatlichen Frau gemausert. Sie war nicht dick, aber kurz davor. Stattlich war sie, mit langen braunen Haaren und Schuhen mit hohen Absätzen. Marianne wunderte sich jedes mal, wie Rosel mit diesen hochhackigen Schuhen den ganzen Tag stehen konnte. Sie war immer gepflegt und gut angezogen. Manchmal, wenn keine Kunden im Laden waren, stand sie im Eingang und grüßte die Leute oder sie unterhielt sich mal mit dem oder jenem.

Ihre dicken braunen Haare hatte sie oft zu kunstvollen Frisuren geflochten. Heute trug sie einen langen, geflochtenen Zopf. Keiner, der sich heute mit der Rosel unterhielt, würde glauben, dass sie als junges Mädchen so unglaublich gemein sein konnte. Auch Rosel gehörte übrigens zu den fünf Mädchen des „Fünferrates.“

 

Marianne seufzte, nahm das Fernglas ihres Vaters und beobachtete zwei Gören. Frech waren die Mädchen, ihr blieb die Sprache weg. Jede von ihnen nahm ein buntes Tuch, band es sich um - die eine um die Hüfte, die andere um die Schulter. Die Kleinere von den beiden nahm jetzt noch ein gleichfarbenes, kleines Tuch vom Ständer und dann verschwanden die Beiden lachend und hüpfend in den Buchladen nebenan. Bezahlt hatten sie die Tücher nicht, Marianne hatte es genau beobachtet.

Fünf Minuten später erschienen die Mädchen wieder. Die Tücher waren verschwunden. Aber die Größere, die Schwarzhaarige, sie trug jetzt eine Tüte. Eine Tüte des Buchladens, Bücherland, stand mit roter Schrift darauf.

Sie würde Rosel die Mädchen beschreiben, vielleicht klärte sich dann deren seltsames Verhalten.


 

Bernd

 

Direkt neben Rosels kleinem Laden befand sich „Bernds Bücherland“. Früher waren die beiden kleinen Läden ein einzelnes, großes Geschäft gewesen. Man munkelte, Rosel und Bernd seien mal ein Paar gewesen, Marianne wusste es aber nicht genau. Hatten sie vielleicht die Wand hochgezogen, um so auch äußerlich die Trennung zu demonstrieren? Das würde Marianne sicherlich auch noch herausfinden.

Den Laden von Bernd konnte Marianne nicht einsehen. „Bücher“, Marianne lächelte. Natürlich waren auch ihre eigenen Bücher und Hefte bei Bernd zu finden. Wie gut, dass sie bei der Veröffentlichung ihres ersten Buches ein Pseudonym verwendet hatte. Sie war einmal in seinem Buchladen gewesen. Gut sah er aus, seine graublauen Augen hatten sie freundlich angesehen. Sollte sie einmal so weit sein, sich zu erkennen zu geben, könnte sie ja vielleicht vor seinem Laden Lesungen halten. Ein paar Bierbänke, Getränke von M&M, Mikro, Verstärker - das Ambiente würde perfekt sein.

Der kurze gepflegte Bart, der im Gegensatz zu seinen Haaren schon grau wurde, gab Bernd ein gemütliches Aussehen. Ja, Bernd sah gemütlich aus. Er war groß, viel größer, als es zunächst schien, sein Kreuz war breit und er hatte starke Arme. Seine Hände waren gepflegt, er hatte lange, sehnige Finger und schöne Fingernägel. Kein Ring schmückte seine Hand, es war auch keine helle Stelle am Ringfinger zu sehen, wo normalerweise der Ehering saß.

Bernd war nicht dick, hatte aber einen leichten Bauchansatz. Trotzdem sah er gut aus. Marianne verstand nicht, warum es augenscheinlich keine Frau an seiner Seite gab.

Einen Moment dachte sie, als sie ihm gegenüberstand und ihr Herz schneller zu schlagen begann, er würde sie erkennen. Aber nein, er erkannte sie nicht. Er lächelte und war freundlich. Sie konnte es nicht lassen und verwickelte ihn in ein Gespräch über ihr letztes Buch. Sie bemerkte, dass er es gelesen hatte. Er wusste viel mehr vom Inhalt, als das Cover verriet. „Ich habe gehört, die Autorin ist aus den USA nach Deutschland zurückgekommen, sie ist wohl Deutsche. Hoffentlich kommt bald ein neues Buch von ihr heraus. Wäre schade, wenn nicht!“

"Sie sind gut informiert“, Marianne lächelte ihn an. „Vielleicht verirrt sie sich in dieses wunderschöne Städtchen und hält hier eine Lesung. Das wäre doch was.“

Bernd lachte mit tiefer Stimme und um seine Augen erschienen 100 Lachfältchen.

"Dafür würde ich ihr die Füße küssen, ehrlich.“

"Gut ich werde es ihr sagen, wenn ich sie das nächste Mal beim Friseur sehe.“ Marianne strahlte Bernd an, der sie erst verdutzt ansah und dann lachte, so dass sein Bauch anfing zu wackeln.

 

Keiner hatte sie erkannt, als sie wieder in ihre Heimatstadt zurückkehrte. Und sie hatte es keinem auf die Nase gebunden, wer sie war, auch wusste keiner, dass ihr das Haus gehörte. Ob sich denn wirklich niemand mehr an Marianne erinnerte, oder niemand hin und wieder an sie dachte?

Sie ging zurück in ihre Wohnung.

Fünf Minuten später waren die Mädchen wieder da. Sie betraten den Buchladen und zum ersten Mal, seit Marianne das Fenster auserkoren hatte, bereute sie, dass sie gedacht hatte, von hier aus den besten Überblick zu haben . Schwerfällig erhob sie sich und ging zum nächsten Fenster, von wo aus sie in den Buchladen schauen konnte. Karli behinderte sie zusätzlich, er war tief und fest auf ihrem Schoß eingeschlafen und fand es gar nicht lustig, geweckt zu werden, sie war zu langsam, die Gören kamen schon wieder kichernd aus dem Laden heraus. Die Schwarzhaarige hatte sich das kleine Tuch nun um ihre  langen, welligen Haare gebunden und das große Tuch mit dem gleichen Farbenmuster um den Bauch geknotet, sie trug enge blaue Hosen und eine weiße Bluse. Sah sie vorher hübsch und adrett aus, sah sie jetzt — verwegen, ja verwegen aus. Oder sexy, wie man heutzutage sagte. Marianne beobachtete, wie die beiden Mädchen vor dem Laden einen Tanz aufführten und dann - das schlug doch wohl dem Fass den Boden aus - noch einmal den Laden von Rosel betraten. Aber wo war eigentlich das zweite große Tuch geblieben? Hatten sie das etwa im Bücherladen versteckt?

Die Mädchen verschwanden wieder im Laden. Was taten sie da bloß? Sie würde die beiden Mädchen im Auge behalten müssen – vor allem aber wollte sie herausfinden, wer sie waren. Sie musste sich auf die Gesichtszüge der beiden konzentrieren. Als die Mädchen den Buchladen wieder verließen rief sie „Hader, „Hager, kommen Sie, schnell.“ Hagar stellte den Eimer mit frischem Wasser ab und kam zu Marianne. Diese zeigte aus dem Fenster und zeigte auf die Mädchen.

"Wer sind die Zwei?“

"Das sind die Töchter von Bernd - Bernds Bücherladen. Wussten Sie das nicht?“

Marianne hatte selten erstaunter ausgesehen als jetzt. „Und ihre Mutter?“

Tot, wieso tot?“

Hagar seufzte. „Kurzfassung: Brand. Sie ist verbrannt, die Kinder konnten gerettet werden.“

"Und wo hat es gebrannt“?, fragte Marianne gespannt. Hagar seufzte. „In der Ladenhälfte von Rosel. Rosel ist die Patentante der Zwei und ersetzt so gut sie kann ihre Mutter. Damals, vor dem Brand gab es die Zwischenwand noch nicht.“

"Ja, ja“, murmelte Marianne, die gar nichts mehr verstand. Sie machte sich einige Notizen. Das wurde ja richtig spannend.

Hagar wollte wieder zum vollen Wassereimer zurück.

"Hagar“, rief Marianne, würden sie mich um 13:00 Uhr begleiten?“

"Wo immer Sie hinwollen, ich hab heute Zeit.“

 

Monika

 

Oh, da ist sie, Monika! Das erste Mal, dass ich sie sehe, seit ich hier nach allen Ausschau halte. Monika, die Rädelsführerin der damaligen Bande.

 

Die Figur, die Haare, der Gang, Marianne hatte sie für alles gehasst. Monika hatte alles, was Marianne nicht hatte. Mariannes Gedanken gingen zurück in die Kindheit.

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Lächelnd und siegessicher stand Monika im Kreis ihrer Freundinnen. Und die Gänse schnatterren im Chor: „Die Marianne ist’s nicht, der Willi ist’s nicht, dann muss es die Monika sein.“ Kichernd und johlend liefen sie davon, aber nicht, ohne Marianne noch einen Schubs zu geben, die prompt das Gleichgewicht verlor und in eine Pfütze fiel.

Sie alle hatten es zu was gebracht: Monika, Doris, Margret, Margit Bernd , und Rosel.

Ob eine von ihnen noch an Marianne dachte? An Marianne, die Schreckschraube, die Hexe, die Einsame? An Marianne, den Krummfuß?

Seit einem Jahr war sie bereits zurück, hatte sich nicht zu erkennen gegeben, ein Jahr lang schaute sie dem Leben und Treiben auf dem Marktplatz schon zu.

Ob sich die anderen überhaupt erinnern würden, wenn sie sich zu erkennen gab? Dieser Gedanke beschäftigte sie immer häufiger. Wenn ja, was würden sie sagen? Wären sie verlegen? Hatte jemals eine der fünf darüber nachgedacht, wie sie sich damals gefühlt hatte?

Vor Jahren hatte Marianne einen chirurgischen Eingriff machen lassen, in Amerika, wo sie lange Jahre lebte und glücklich war - ihr Bein war nun gerade. Sie trug keine Schiene mehr unter der langen Hose. Sie lief zwar etwas gestelzt, aber sehr aufrecht - nur bei Wetterwechsel hatte sie starke Schmerzen. Aber das ließ sie niemanden merken.

Sie hatte noch immer eine gute Figur, die Monika -  aufrecht und gut angezogen. Wie sie heute wohl war?

 

"Hagar“, rief sie in die Küche, „kommen Sie schnell und erzählen Sie mir etwas über die Rothaarige.“

Hagar kam kopfschüttelnd angelaufen, die Hände an der Schürze abwischend.

"Ach, die“, schnaubte sie verächtlich, „sie lebt seit ein paar Jahren wieder hier, pflegt ihre alte Mutter.“

"Das ist doch rühmlich, das hätte ich ihr nicht zugetraut.“

"Warum, kennen Sie die?“ fragte Hagar.

"Ich meine, so gepflegt, wie sie daherkommt, würde ich ihr nicht zutrauen, dass sie eine alte Dame füttert und ins Bett bringt...und so.“

"Das tut sie ja auch nicht, dazu hat sie ja ihr Personal.“

"Personal, Hagar?“

"Ich weiß doch auch nicht. Sie verschwand vor Jahren in die Großstadt. Als sie wiederkam, war sie reich, aber sehr krank.“

"Ach, und mehr weiß man nicht über sie?“

"Man hat, als sie zurückkam und zu ihrer Mutter zog, nie den Grund erfahren. Man weiß nur, dass der Doktor ein Jahr lang jeden zweiten Tag kam. Sie hatte Pflegerinnen, aus der Stadt.“

"Und dann?“ Hagar stellte Mariannes Geduld auf eine harte Probe.

"Die Pflegerin verschwand, kurz darauf bekam die Mutter einen Schlaganfall und die Pflegerinnen kamen wieder. Sie beschäftigt eine Hauswirtschafterin, eine Putzfrau und drei Pflegerinnen.“

"Und — woher hat sie das Geld dafür?“ Marianne war ganz in Gedanken, so dass sie gar nicht bemerkte, wie Hagar wieder in die Küche ging.

"Hagar“, rief sie, „woher hat sie das Geld?“

"Denken Sie sich was aus, hier weiß es keiner… Soll ich Pfannekuchen zu Mittag machen?“     

"Pfannkuchen, Hagar, es heißt Pfannkuchen“.

"Ja, ja ich weiß, wollen Sie mit Salat oder süße Pfannekuchen?“

 

"Hagar, Sie begleiten mich doch nachher, wir wollen doch essen gehen?“

"Wieso, mögen Sie meine Pfannekuchen nicht?“

"Doch, Hagar doch, aber ich muss da runter und das Kopfsteinpflaster, sie wissen doch.“

 

Joe

 

Als das Liebste, das Marianne auf dieser Erde je gefunden hatte, bei einem Flugzeugunglück im Meer versank, hielt sie es in der Wahlheimat nicht mehr aus. Sie hatte, um nicht verrückt zu werden, angefangen zu schreiben. Das hatte ihr gut getan und zudem wurde das Buch in den USA zu einem Bestseller. Nun, da sie keine finanziellen Sorgen mehr hatte, zog sie ein unsichtbares Band wieder in die alte Heimat zurück. Ohne Joe kamen die Gespenster wieder, die sie, solange sie mit Joe zusammen gewesen war, in Ruhe ließen. Doch Joe war bei ihr - da, wo sie war, war auch er.

Nächste Woche, nahm sie sich vor, würde sie sich zu erkennen geben, eigentlich machte es ihr keinen Spaß mehr, sich zu verstecken und von fern dem Leben und Treiben der Kleinstadt zuzuschauen. Oh Gott, wie sie wohl reagieren würden?

Keines der fünf Mädchen von damals war einsam und verbittert, sie hatten alle ein Leben in einem gesicherten Umfeld.

Aber… woher nahm sie sich das Recht, das zu behaupten?

Sie begegneten sich, tratschten und klatschten und gingen zurück zu ihren Familien, ihrer Arbeit. Nicht ganz, nein, das stimmte nicht. Sie musste ehrlich bleiben. Leid, das anderen geschah, tat genau so weh, sie musste ehrlich bleiben.

Was wusste sie schon von ihnen? Was sie sah, war die Oberfläche, es könnte eine Maske sein, die aufrecht zu halten viel Mühe kostete.

Es fiel ihr schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein. Hatte sie nicht selbst die Verantwortung für ihr Erwachsenenleben? Bindungslos, ohne Freundin oder enge Vertraute, ohne Verabredung ins Kino oder Theater! Sogar bei ihrem einzigen Erfolg, ihren Büchern, blieb sie anonym, namenlos, fremd.

All die Jahre war sie damit beschäftigt, ihren Groll zu schüren gegen fünf zwölfjährige Mädchen, die schon lang zu anderen Persönlichkeiten geworden waren. Ihr halbes Leben war damit ausgefüllt, den Fünfen die schweren Verfehlungen nachzutragen.

Bis sie sich in den USA dieser schwierigen Bein-OP unterzog.

Als sie nach der OP das erste Mal die Cafeteria aufsuchte, setzte sich Joe zu ihr. Und zum ersten Mal in ihrem Leben lernte sie die Liebe kennen. Eine langsam aufkeimende, stark werdende Liebe.

"Nach-zu-tragen“, sie seufzte, sie hatte einen unsichtbaren Rucksack auf dem Rücken, der sie all die Jahre niedergedrückt hatte und den würde sie jetzt absetzen. Endgültig! Das war sie nicht nur Joe schuldig, der sie nicht nur die Liebe, sondern auch die Vergebung gelehrt hatte. Er hatte ihr klargemacht, dass ihr Leben vergiftet, verloren und einsam war, solange sie die Vergangenheit nicht losließ. Sie hatte genug davon, kleinlich zu sein.

 

Joe hatte ihr die Augen geöffnet, Joe, der ihr jetzt stolz und froh aus einer anderen Welt zulächelte.

Nächste Woche würde sie neununddreißig Jahre alt und sie würde ein neues Leben beginnen. Joe, der sie geliebt und all die Wunden ihres einsamen Herzens wahrgenommen und geheilt hatte, Joe würde ihr helfen, auch diesen Schritt zu gehen. Dann würde sie endlich frei sein.

Marianne war mit Hagar essen gegangen. Das Essen war gut und die Informationen Gold wert. Spät in der Nacht faxte Marianne ihrem Verlag die erste Geschichte. Elf weitere sollten folgen.

Was zuerst nur als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitschrift geplant war, wurde schnell zu einem Bestseller. Zum 1. Advent sollte das Buch auf den Markt kommen. Nochmals durchlebte Marianne ihre Kindheit und Jugend. Erkannte den Scheideweg.

 

Kurz vor Erscheinen des Buches rief Marianne im Buchladen an und meldete sich mit ihrem Pseudonym. “Eine Lesung bei mir, Sie — Entschuldigung, ich meinte... “ 

 

Marianne lachte, „ich weiß, was Sie meinen, ihr Laden ist etwas zu klein, wissen Sie was?“ Marianne tat, als überlege sie. „Nein ich weiß nicht, woher wissen.... “stotterte Bernd und rang um Fassung.

"Wir mieten uns bei M&M ein.“ „Die Plätze reichen nicht“, kam von Bernd wie aus der Pistole geschossen. Er schien sich von seinem Schreck zu erholen.

"Der Gemeindesaal der Kirche, die M&Ms können die Bewirtschaftung übernehmen. Wir könnten...“

"Wissen Sie was, das darf ich Ihnen überlassen. Ich komme am Samstag vor dem 1. Advent um 15:00 Uhr zur ersten Lesung ihres neuen Buches. Ich gehe davon aus, dass Sie genügend Bücher mitbringen! Den Verkauf überlasse ich Ihnen.“

Sie hörte, wie Bernd schluckte.   

"Eine Bitte hätte ich noch.“ Sie machte eine Pause. „Den Jahrgang 59 hätte ich gern so vollzählig wie möglich in der ersten Reihe sitzen.“

"Den Jahrgang 59?“ Bernd tat ihr schon fast leid.

 

"Den Jahrgang 1959, erstes Schuljahr. Ich glaube, die M&Ms gehörten dazu.“

"Ach ja, und den Blumenschmuck bestellen Sie bitte großzügig bei Doris.“ Das dürfte genügen. „Bye, Bye und vergessen sie nicht, sie wollten mir die Füße küssen!“

"Füße küssen”, Bernd schien am Ende seiner Nerven zu sein. Sie hatte gutes Deutsch mit amerikanischem Akzent gesprochen und war überzeugt, das Bernd eine schlaflose Nacht haben würde.

Jetzt war sie frei und das tat gut.

"Hagar“, rief sie, „Hagar, heut` wird nicht geputzt, kommen Sie, ich muss dringend einkaufen. Es ist Markttag! Kommen Sie schnell - ich brauche Blumen, einen Schal, ein Buch und etwas zu essen.“

                                                                

                  


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