Das Tüpfelchen auf dem i

 

Maria stand auf der Anhöhe und hob schützend die Hand vor ihre Augen. Sie schaute in das Tal und ließ ihren Blick über die bunten Wiesen schweifen. Der Sommer ging zu Ende und er zeigte sich in seinem schönsten Kleid. Tagelang hatte ein sanfter Regen die Wiesen und Bäume getränkt und den Staub von den Blättern gewischt. Die drückende Hitze der vergangenen Wochen war einer angenehmen Wärme gewichen.

Sie war immer wieder aufs Neue fasziniert von der Vielfalt der Natur. Wie viele Abstufungen von Grün gab es? Jetzt, nach dem Regen und dem warmen Licht, erschien die Farbenpracht der Bäume und Wiesen Maria wie ein Wunder, an dem sie ehrfürchtig teilnehmen durfte.

Gedankenverloren blickte sie um sich, so viele male stand sie schon hier und doch war es immer wieder ein Wunder. Der Himmel leuchtete in einem hellen Blau. Kleine weiße Wölkchen zogen rasch dahin.

Bin ich glücklich? Bin ich alt? überlegte sie. Jugendliche würden mich wahrscheinlich  als Grufti bezeichnen, aber ich schaue zurück auf ein reiches, glückliches Leben. Am Ende eines Lebenssommers gehe ich meinem Lebensherbst entgegen. Wie andere Menschen wohl ein glückliches Leben definieren würden?

Das Leben ist bestimmt nicht immer liebevoll mit mir umgegangen, nicht immer war ich glücklich. In manches Grab habe ich gesehen und Gott gesagt, dass es für diesen Abschied zu früh, viel zu früh sei. Doch wie ein Wunder war ihr Leben bei jedem Abschied weitergegangen und hatte neue Wunder hervorgezaubert. Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass manches in meinem Leben nicht so lief, wie ich es mir vorstellte. Menschen kreuzten meinen Lebensweg und verschwanden wieder - wie die Lichter eines Autos, das auf dieselbe Fahrbahn schwenkt, eine Weile neben einem herfährt, dann abbiegt und in der Dunkelheit verschwindet. Einige Menschen kamen mir dabei zu nahe, verletzten mich und ließen mich traurig zurück. Andere blieben auf meiner Spur, fuhren neben mir her, passten sich meinem Lebenstempo an. Freundschaft und Liebe, die wichtigsten Dinge, entstanden daraus.

Maria dachte an die vielen Aufgaben, die sie im Leben erfüllt hatte. An die vielen Freundschaften, die sie in ihrem Leben haben durfte. An die Männer, die sie geliebt hatte. An die Kinder, die sie großziehen durfte.

Leicht war es nie, es flog ihr nie etwas zu.

Und sie hatte Fehler gemacht. Fehler, die sie bereute und die ihr Leid taten. Sie hatte Menschen verletzt, sie hatte sich im Recht gesehen und war stur.

Hatte sie einmal etwas als ihre Aufgabe erkannt, dann verbiss sie sich darin, wie ein Hund an seinem Lieblingsknochen.

Das war manchmal gut, dachte sie wehmütig, manchmal aber habe ich mir selbst und anderen wehgetan. Aber auch das gehört zu einem Leben dazu, dass man andere verletzt, ihnen wehtut.

Habe ich alle Menschen um Verzeihung gebeten, denen ich wehtat?

Sie seufzte. Bestimmt nicht. Sie setzte sich auf die Wiese und dachte nach. Ich kann allen Menschen verzeihen, die mir weh taten, beschloss sie.

Maria beobachtete eine weiße, kleine, dicke Wolke, die schnell am Himmel trieb. Alles Ungute, was mir andere je zufügten, sagten oder über mich dachten, will ich nicht bei mir behalten, ich lege alles in diese Wolke. Sie nimmt den Ballast mit und es geht mich nichts mehr an. Sie seufzte nochmals, beobachtete die schnell davonziehende Wolke.

Liebe ist ein Geschenk, ein kostbares und wertvolles Geschenk, dafür habe ich Gott gedankt, dachte Maria. Oft genug? Habe ich nicht vielmehr mit ihm gestritten, ihm Vorhaltungen gemacht, ihm vorgeschrieben, was gut für mich ist?

Zugegeben, oft hat er es besser gewusst, hat eigentlich immer bessere Entscheidungen getroffen als ich und im Nachhinein war ich dankbar dafür. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn nicht immer um seine Meinung gefragt.

Liebe zwischen zwei Menschen wird heute so oft mit Sexualität verwechselt. Wie viel Leid gibt es, wenn Menschen sich nur durch die Sexualität definieren.

Dabei soll Sexualität doch das „i-Tüpfelchen“ der partnerschaftlichen Liebe sein. Die Schlagsahne auf dem Kuchen. Zwischen einen „trockenen Kuchen“ gehört die Füllung - viel Zärtlichkeit und Kuscheln, Verständnis und Toleranz, Großzügigkeit und ein paar Geheimzutaten. Wenn die geheimen Zutaten fehlen, die bei jeder Beziehung ein wenig anders sind, dann fehlt etwas wie bei einer Schwarzwälder Kirschtorte; das Beste nämlich, die süß-sauren, saftigen Kirschen.

Und was nehme ich mir heute, an meinem sechzigsten Geburtstag, vor? Was erwarte ich noch vom Leben? Was habe ich noch nicht ausgekostet? Was steht noch auf meinem Lebensplan? Gott wird es wissen, darauf will ich bauen und vertrauen.

Etwas mühsam steht Maria auf und reckt und streckt sich.

Nun dachte sie schmunzelnd, auf der Hochebene stehend, es hat sich gelohnt.

Sie konnte sich kein anderes, leichteres Leben vorstellen, auch kein schöneres, als das, dass sie hatte. Die Schwierigkeiten in ihrem Leben hatten sie demütiger, liebevoller, geduldiger werden lassen.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie den Mann auf sich zukommen sah, den sie jetzt liebte.

Für die wirkliche Liebe ist man nie zu alt, dachte sie. Nicht, wenn man im Leben gelernt hat, was Liebe wirklich ist.

Er fasste ihre Hand und zog sie an sich. „Du siehst aus, als hättest Du Lust auf eine Schwarzwälder Kirschtorte.“

Sie scmunzelte, als sie daran dachte, mit was sie eben eine Schwarzwälder Kirschtorte verglich, wurde sie ein wenig rot.

Und eine große Tasse Cappuccino“, antwortete sie. „Komm, lass uns nach Hause gehen.“


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